Polo Hofer, der Nationalheld mit den 1000 Anekdoten

Er war Mundartrock-Pionier und Verseschmied, Poet und Hofnarr. Seine Songs sind der Soundtrack der Schweiz, und mit ihm verliert die Nation eine Legende und einen Freund zugleich.

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Es war Sonntagmittag. Der Himmel blau, die Gurtenbesucher noch nüchtern. Polo Hofer betrat die Hauptbühne des Gurtenfestivals. Erstmals seit 25 Jahren. Er trug ein Hawaiihemd und einen Panamahut.

Er winkte, er lachte. Doch es lag Abschied in der Luft, an diesem Sommertag 2015. Es würde sein letztes Konzert auf dem Gurten werden, das wusste Polo Hofer, und seine Fans wussten es auch.

Mit der «Ändspurt»-Tournee verabschiedete sich der damals 70-Jährige offiziell von den grossen Konzertbühnen. Hofer hatte den Abschied mehrmals geprobt. Mehr als einmal war er dem Sensenmann gerade noch so entkommen. Immer kam er wieder zurück ins Rampenlicht. Doch ­diesmal fühlte er sich trotz aller Unsicherheiten und Eventualitäten real an, der Abschied vom Bühnentier Polo Hofer. Polo, der Nationalheld.

«Wer langsam lebt, ist später tot.»Polo Hofers Lebensmotto

Polo, der trinkfreudige, volksnahe Buddy, der regelmässig im Berner Café des Pyrénées, kurz «Pyri», jasste. «Polo, du bisch e geile Siech!» Diesen Satz hörte er oft. Von wildfremden Menschen, die ihm kumpelhaft auf die Schulter klopften, ihn ohne Ankündigung umarmten, als wären sie alte Freunde. Vonseiten der Fans stimmte das auch. «Summer 68», «Giggerig» oder «Alperose»: Viele sind zu Polo-Hofer-Songs erwachsen, schwanger, geschieden, betrunken und wieder nüchtern geworden. Für Schweizer Verhältnisse war Hofer ein Popstar.

«Tschou zäme, es isch schön gsy!» Mundartrocklegende Polo Hofer ist am Samstag gestorben. Video: sda

Polo, der Hofnarr

Geboren wurde der Popstar am 16. März 1945 als Urs Hofer in Interlaken, aufgewachsen ist er mit drei Geschwistern in Ober­hofen. Seine Eltern betrieben­­­ein Bekleidungsgeschäft. Daher stammte auch sein Pfadiname Polo: Er spielte auf die damals neuartigen Polohemden an, die Hofers Eltern verkauften. Die musikalische Karriere startete Polo Hofer 1961 mit The Jetmen, während er eine Lehre zum Handlitografen absolvierte. Gegen den Willen seines Vaters setzte Polo Hofer später ganz auf die Karte Musik.

1971 gründete er gemeinsam mit Hanery Amman, Schifer Schafer und Sämi Jungen die Band Rumpelstilz. Zwei Jahre später veröffentlichten sie die erste Single «Warehuus-Blues», weitere zwei Jahre später die erste Platte «Vogelfuetter». Auf die Kappe von Rumpelstilz gingen die ersten grossen Hits «Kiosk» und «Teddybär». Polo, der als Kind so schüchtern war, dass er nicht ans Telefon gehen konnte, blühte auf der Bühne auf und sorgte für Stimmung.

Rumpelstilz mit «Kiosk». Quelle: Youtube/Pogue Mahone

Rumpelstilz mit «Teddybär». Quelle: Youtube/chiseller

Polo Hofer bezeichnete sich selbst gern als Hofnarr: «Ein Hofnarr ist frei und kann sich in der Öffentlichkeit mehr erlauben als andere. Aber er kann auch vom König geköpft werden. Das Risiko ist da.» So fuhr Polo Hofer dem Hof auch mal an den Karren, der Narr. Etwa, als er 2015 von den SRF-Zuschauern zum «Schweizer des Jahres» gekürt wurde und sich nicht erwartungsgemäss dafür bedankte. Dass er für seinen Auftritt auch noch eine Gage verlange, verleitete Leserbriefschreiber in der ganzen Schweiz zu gehässigen Kommentaren.

Keine Angst vor dem Tod

Wer den richtigen Moment erwischte, fand in Polo Hofer einen belesenen, tiefgründigen, humorvollen und warmherzigen Interview- und Gesprächspartner. Einen, der bekannt war für seine Sinnsprüche, die «Polosophie». Einen, der sich Gedanken machte um den Zustand der Welt, der die Kunst liebte, die Frauen, der sich an der Politik aufrieb; immerhin war Hofer selbst auch politisch aktiv.

«Die Erinnerung kann man nicht umarmen.»Aus: «Polosophie, Band 1»

1971 gründete er in Bern die «Härdlütli»-Partei, posierte nackt und setzte sich für die Legalisierung von Cannabis ein. Einen Gesprächspartner, der an der Jugend zweifelte, sich über die Musikindustrie ärgerte, der die Musiker Bonnie Raitt und Bob Dylan verehrte. Einen Gesprächspartner, der das Spiel zwischen Nähe und Distanz perfekt beherrschte. Der seinen Schalk nicht mal dann verlor, wenn er über die Krankheit sprach, die seinem Leben nun ein Ende setzte. Der Lungenkrebs.

In den letzten Jahren wurde Polo Hofer in Interviews und in privaten Gesprächen oft über Persönliches ausgefragt. Wie sich das Altern anfühle. Wie er sich sein Ableben vorstelle. Ob er Angst vor dem Sterben habe. Fragen, die zu stellen eigentlich eine ungeheuerliche Indiskretion bedeuten.

Aber Polo National stellte man sie. Nicht nur, weil Polo Hofers Frau Alice ein Sargatelier betreibt. Hofer selbst machte aus dem Tod kein Tabu. In seinen Songs nicht, und auch sonst nicht. In einer Szene des SRF-Dokfilms «Rhythmus, Rausch und Rampenlicht» (2014) legt sich Polo Hofer im Atelier seiner Frau in einen Sarg. Aus dem Off fragt ihn jemand, was das für ein Gefühl sei. «Ein realistisches», entgegnet Hofer.

«In dubio pro secco.»Sinnspruch von Polo Hofer

An seinem letzten TV-Auftritt zu Ehren von Bob Dylans 70. Geburtstag im Mai 2016, sang er seine eigene Übersetzung des Dylan-Songs «The Man in the Long Black Coat» – «De Maa im schwarze Chleid». «Ich hatte nie Angst vor dem Tod, auch jetzt nicht. Ich grüble nicht. Jeder muss irgendwann sterben. Der Tod ist die einzige wahre Gerechtigkeit. Deshalb macht mir das Sterben auch nichts aus», sagte er noch im Mai gegenüber dieser Zeitung.

«Der Weg ist das Ziel, aber das Ziel ist im Weg.»Polo Hofer in «Polosophie, Band 1»

Ein Jahr nachdem er sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen hatte. Er war gezeichnet von der Chemotherapie, litt an Muskelschwund. Selten verliess er die Wohnung, doch der Lebensmut hatte ihn nicht verlassen. Er malte, kochte – und arbeitete an einem letzten Album. «Es heisst ‹Another Side of Polo Hofer›. Es handelt sich nicht um neue Aufnahmen, singen kann ich nicht mehr. Ich habe vor ein paar Jahren mit Hanery Amman und Hank Shizzoe ein paar englischsprachige Songs aufgenommen. Daraus soll eine CD werden», verriet Hofer.

Abschied auf dem Gurten.

«Scha la la, scha la la la la.» Nationalheld Hofer stimmte gegen Ende seines Gurten-Konzerts im Juli 2015 das «Meitschi vom Wyssebüehl» an, und der halbe Berg sang mit. Auch dann noch, als das Lied schon zu Ende war. «Löht se nur singe», sagte der Mundartrocker zu seiner Band, und nach einer Weile, mit einer Mischung aus Rührung und Ungeduld: «Aber itz längts.»

Ja, itz längts. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.07.2017, 23:39 Uhr

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