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Polens Rückstand in der Musikgeschichte

Das multidisziplinäre Kulturfestival Culturescapes legt immer wieder den Fokus auf einen Kulturraum. Dieses Jahr: Polen. Zu Gast am Dirigierpult des Berner Symphonieorchesters ist Jacek Kaspszyk, künstlerischer Leiter der Warschauer Philharmonie.

Auch sein Name ist aus der polnischen Musikgeschichte nicht mehr wegzudenken: Der Dirigent Jacek Kaspszyk.
Auch sein Name ist aus der polnischen Musikgeschichte nicht mehr wegzudenken: Der Dirigent Jacek Kaspszyk.
Maciej Zienkiewicz

Nennen Sie einen polnischen Komponisten, der nicht Frédéric Chopin heisst. Gar nicht mal so einfach, oder? Witold Lutoslawski kennt man vielleicht noch – allenfalls sogar Kristof Penderecki.

Aber was ist mit Ignacy Jan Paderewski, Mieczyslaw Karlowicz, Alexandre Tansman, Henryk Gorecki? Kaum gehört. Dabei gehören diese – und noch einige mehr, wie sie der Dirigent Jacek Kaspszyk ohne Zögern auflistet – zu den bedeutenden Komponisten der polnischen Musikgeschichte.

Auch Jacek Kaspszyk ist aus der Musikszene seines Heimatlandes kaum wegzudenken: 1980 wurde er zum Musikdirektor des Nationalen Symphonieorchesters des Polnischen Rundfunks ernannt, 1998 zum künstlerischen Leiter der polnischen Nationaloper und zwei Jahre später zu deren Geschäftsführer.

Seit 2013 ist er musikalischer und künstlerischer Leiter der Warschauer Philharmonie, seit 2015 ausserdem Musikdirektor und Chefdirigent des Beethoven Academy Orchestra in Krakau.

Ein Blick zurück

Beim Berner Symphonieorchester (BSO) ist Kaspszyk zum ersten Mal zu Gast, und er nimmt seine Aufgabe ernst, dem bernischen Publikum die polnische Musik näherzubringen. Das ist auch nötig: Ein Blick in die Aufführungsgeschichte des BSO zeigt, dass das Repertoire neben Chopin und Lutoslawski nicht allzu viele weitere polnische Komponisten ausweist.

Es sind, genau gesagt, nur deren vier. Wenig überraschend ist hierbei, dass die Liste der aufgeführten Werke von Frédéric Chopins zwei Klavierkonzerten deutlich angeführt wird.

«Bis Mitte des 20. Jahrhunderts befand sich die polnische Musik in einem Korsett.»

Jacek Kaspszyk

Woran mag es liegen, dass es die polnische Musik bisher nicht so recht in den hiesigen Kanon geschafft hat? Kaspszyk sucht in der Geschichte des Landes nach Antworten. «Polen wurde von 1795 bis 1918 praktisch von der europäischen Landkarte wegradiert – dies wirkte sich natürlich erheblich auf die polnische Musik aus», leitet Kaspszyk in seine Erläuterungen ein.

Warschau wurde damals vom preussischen Königreich eingenommen, von Napoleon wiederum befreit, nur um anschliessend gleich ins russische Reich überzugehen. «Diese Periode in der Geschichte Polens war geprägt von den Bestrebungen, die nationale Identität zu bewahren», fährt der Dirigent fort. «Dabei mussten jedoch viele Künstler, die ihr Studium oder ihre Karriere in Frieden vorantreiben wollten, ins Ausland reisen.»

So kam es, dass Polen in der Musikgeschichte quasi in Rückstand geriet: In der Zeit, in der Wagner, Rossini und Verdi bereits auf einer langjährigen Musiktradition aufbauen und ihr nationales Idiom erschaffen konnten, waren die polnischen Komponisten überhaupt erst auf der Suche nach ihrer Musik.

Kaspszyk: «Man denke nur an Chopin, dessen Musik von polnischen Tanzformen und Volksrhythmen durchdrungen war, um im anhaltenden Kampf Polens um die Freiheit als Kraftquelle zu dienen!»

Rückstand aufholen

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts befand sich die polnische Musik also quasi in einem Korsett, das sich erst nach dem Tod von Josef Stalin löste, so Kaspszyk, «dann endlich kam es zu einem Tauwetter in allen Bereichen der Kunst».

Aber Kaspszyk relativiert: All die eingangs genannten Komponisten übten wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der polnischen Musik aus – und alle haben ihren Weg in den internationalen Klassikkanon längst gefunden. Wenn also schon von Rückstand die Rede ist: Es scheint, als hätte hier Bern einiges aufzuholen. Kaspszyk wird dem gemeinsam mit dem BSO am 5./6. Dezember Bern mit Werken von Bacewicz, Szymanowski und Lutoslawski persönlich auf die Sprünge helfen.

Polnische Aufführungen: Oper «Krol Roger», ab So, 1.12., 18 Uhr, Stadttheater Bern. BSO-Konzert Tetzlaff/Kaspszyk, «Polnische Meister», Do und Fr, 5. und 6.12., je 19.30 Uhr, Casino Bern.

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