Pink: «Ist Liebe nicht immer kompliziert?»

Für ihr neues Album «Beautiful Trauma» hat sich Pink fünf Jahre Zeit gelassen. Im Interview spricht sie über Liebe, Protest und Kindsein.

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Das offizielle Musikvideo zu «What About Us» vom neuen Album «Beautiful Trauma». Quelle: Youtube/PinkVEVO

Pink, mit bürgerlichem Namen Alecia Beth Moore, kommt grandios gelaunt in die Suite des ­piekfeinen Viceroy-Hotels am Santa Monica Beach. Der 38-jährige US-Weltstar mit Hits wie «Trouble», «Try» oder «Just Like a Pill» wirft sich regelrecht aufs Interviewsofa und legt los. Anlass des Gesprächs ist Pinks neues Album «Beautiful Trauma», das mit einer spannenden Mischung aus Electropop, Nineties-Einflüssen und angejazzten Powerballaden besticht.

So sprunghaft wie die Platte verläuft auch das Gespräch. Pink hüpft fröhlich von einem Thema zum nächsten, zentraler Bestandteil in Songs und Leben aber ist und bleibt: die wechselhafte Liebe zu Ex-Motocrossprofi Carey Hart (42) sowie das grosse Glück als Mutter von Tochter Willow (6) und Söhnchen Jameson (10 Monate).

Pink, Sie wurden eben 38 Jahre alt. Wie haben Sie gefeiert?
Pink: Wir waren Rollerskaten, Willow und ich. Die Bahn war eine Stunde entfernt, so viele gibt es ja nicht mehr. Als ich in Willows Alter war, bin ich praktisch jedes Wochenende skaten ge­gangen. So gut wie jede Geburtstagsparty fand auf der Roll­schuhbahn statt. Es war herrlich damals.

Ist Ihre Familie auf Tour eigentlich mit dabei?
Klar. Letzthin etwa in Berlin, es war wunderbar. Willow kommt jetzt in ein Alter, wo sie bewusst Sachen wahrnimmt und aufsaugt. Irgendwann sagte sie zu mir: «Mama, hier war früher eine Mauer, und jetzt ist sie weg.» Ich habe ihr das dann erklärt, sie war richtig gerührt. Auch das Holocaustmahnmal haben wir zu­sammen besucht, meine Tochter kommt allmählich in ein Alter, in dem sie neugierig wird und gewisse, auch furchtbare Dinge verstehen will. Trotzdem: Wenn wir zusammen unterwegs sind, haben wir hauptsächlich Spass. Wir waren in Sizilien, Budapest, London und Berlin. Sie sagte, Berlin sei ihre Lieblingsstadt. Und meine auch. Ich liebe Berlin. Die Kunst, die vielen Parks und die freundlichen Menschen.

Ihre Karriere läuft jetzt schon seit fast zwanzig Jahren. Für einen Popstar ist das ungewöhnlich lang.
Ich weiss. Ich spüre eine grosse Dankbarkeit. Und wenn ich auf Tour bin, erkenne ich Menschen wieder, Leute, die schon seit Ewigkeiten dabei sind. Das ist ganz toll.

Ihr neues Album trägt einen kontroversen Titel. Worum geht es in «Beautiful Trauma»?
Um mein Leben – ein schönes, traumatisches Durcheinander. Als wir den Titelsong schrieben, wusste ich: So muss auch das Album heissen.

In «Whatever You Want» be­nutzen Sie die Metapher eines Schiffes, das auch im Sturm den Kurs hält.
Das sind mein Mann Carey und ich. Wenn ich untergehe, dann mit ihm. Wenn schon alles in den Arsch geht, dann mit dir, du alter Sack! (lautes Gelächter)

Sie haben sich in sechzehn Jahren Beziehung zweimal getrennt und sind wieder zusammengekommen. Weshalb ist Ihre Liebe so kompliziert?
Ist die Liebe denn nicht immer kompliziert? Ist sie nicht immer auch wacklig und unvollkommen? Bei uns gehören die Kämpfe nun einmal zum Leben und damit auch zur Liebe dazu. Wenn du ein wirklich leidenschaftlicher Mensch bist, dann schaffst du es einfach nicht, in ständiger Eintracht und so einem sachte plätschernden Flow vor dich hin zu leben. Ich bin ein Mensch, der klare Überzeugungen und zu so gut wie allen Fragen eine Meinung hat.

Nicht alle Songs auf dem neuen Album handeln von Ihrer Ehe. «You Get My Love» zum Beispiel ist eine Ballade, in der Sie plötzlich die Diva in Ihnen zu entdecken scheinen.
Das bin ich, wie ich versuche, ­Nina Simone und Whitney Houston gleichzeitig zu sein. «You Get My Love» ist die beste Gesangsleistung, die ich in meinem Leben je hinbekommen habe. Einmal, nie wieder, wow. Ich bin sehr stolz auf meinen Whitney-Houston-Moment.

«Barbies» heisst ein weiterer Song. Haben Sie je mit Barbie-Puppen gespielt? Sie scheinen nicht der Typ zu sein.
Doch! Mit Barbies und mit «Transformers»-Figuren. Ich hatte das Barbie-Haus, das Barbie-Auto, den Barbie-Swimmingpool, die Schwester. Wie hiess die noch? Für mich waren Barbie und Ken nie zusammen. Weil Ken in Wirklichkeit die Schwester liebte.

Das tönt wie die Handlung eines Countrysongs!
Ich mag Country gern. Ich habe ein Herz für alle Formen und Arten von Musik. Grenzen zwischen den Genres empfinde ich nicht als sinnvoll. Patsy Cline, Johnny Cash, Chris Stapleton, das sind fantastische Künstler.

In dem Song geht es um das Gefühl, wieder Kind sein zu wollen. Geht Ihnen das wirklich so?
Ja, absolut. Vor allem, seit ich selbst mit welchen zusammen­lebe. Ich schaue Willow beim Grosswerden zu und erlebe mit, wie frei dieses kleine Mädchen ist, wie offen und unverdorben. Ich würde oft gern zurückgehen und so alt sein wie sie. Ich meine, dieses ganze Erwachsenending, das ist anstrengend. Die Verantwortung, der Druck, die Nachrichten. Das überfordert mich manchmal. Man möchte sich oft nur noch in der Ecke verkriechen. Zurzeit ganz besonders.

Kein Wunder, ist «Beautiful Trauma» ein zeitkritisches Album...
Ja, ich bin so stolz auf diese Platte. Speziell auf Songs wie «Wild Hearts Can’t Be Broken» und «What About Us». Es ist Zeit für aufrührerische Musik.

Ist «Wild Hearts» eine Art Fortsetzung von «Dear Mr. President», das sich seinerzeit gegen George W. Bush und seinen Irakkrieg richtete?
Durchaus. «Wild Hearts» ist mein Aktivismussong, mein Ak­tivierungssong. Den musste ich einfach schreiben. Für mich geht es in dem Text insbesondere um die Rechte von uns Frauen. Aber es kann sich ein jeder, der sich verfolgt und unterdrückt fühlt, gern angesprochen fühlen.

Wie wird das weitergehen mit Donald Trump?
Ein Gutes hat die Sache ja: Viele junge Leute, die ich kenne, be­teiligen sich jetzt, sie gehen zu Demonstrationen und bringen sich politisch ein. So was gab es früher nicht in dem Ausmass. Ich kann mich an keinen Präsidenten erinnern, der die Leute so auf die Barrikaden und zum Engagement gebracht hat wie dieser hier. Das Pendel wird auch wieder in die andere Richtung schwingen, die Kids werden die Welt ­rocken. Manchmal weisst du erst zu schätzen, was du hast, wenn du für die Dinge kämpfen musst, die dir wichtig sind.

«Revenge» ist ein Duett mit Eminem. Er rappt eine Zeile, in der das Wort «whore», also «Hure», vorkommt. Darf er das?
Sicher darf er das. Meine Tochter fragte auch nach dem Wort, und ich sagte, er rappt «horse». Harrharr. Da war sie etwas misstrauisch und fragte, warum. Ich meinte: «Na, er mag halt Pferde gern.» Ach, jeder ist so schnell beleidigt und so überaus beleidigungs­willig. Dabei ist manchmal ein lockeres Lachen und ein kräftiges «Leck mich» doch die beste Re­aktion, die es gibt. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 13.10.2017, 12:22 Uhr)

«Beautiful Trauma», das neue Album von Pink, ist ab sofort im Handel erhältlich.

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