Phenomen sagt Adieu

Nach neun Jahren löst sich Phenomen auf – auch, weil ihre aufgepeppte Klassik in der Schweiz nicht so gut ankommt wie in Deutschland.

Phenomen ist Geschichte: Patric Heller, Dominik Gerber, Stefan Baumann und Erwin Schneider (v.l.) verabschieden sich in Biglen vom Schweizer Publikum.

Phenomen ist Geschichte: Patric Heller, Dominik Gerber, Stefan Baumann und Erwin Schneider (v.l.) verabschieden sich in Biglen vom Schweizer Publikum.

(Bild: Bern-Ost)

Einmal mehr hatten sie sich her­ausgeputzt, waren mit all ihrem technischen Equipment zu ihrem Konzert gefahren. Umgeben von stimmigem Licht, schmetterten sie im Stil der jungen Tenöre ihre Stücke hin – nein, nicht Klassik und auch nicht Pop. «Wir singen Klassisches auf eine poppige und Pop auf eine klassische Art», lautet das Credo der vier Männer von Phenomen, die mittlerweile so jung auch nicht mehr sind.

Gut ein Monat ist seit dem Auftritt von Erwin Schneider, Dominik Gerber, Patric Heller und Stefan Baumann in der Kirche Biglen vergangen. Hier begann alles für das Quartett, das sich 2009 auf den Weg machte, die Schweiz und das nahe Ausland zu erobern. Ein Prix Walo und ein fünfter Platz in der Fernsehshow «Die grössten Schweizer Talente» sorgen gleich zu Beginn weit über ihre Aare- und Emmentaler Heimat für Publizität – doch nun, neun Jahre später, ist Schluss. Die letzten Klänge in der Kirche Biglen waren auch die letzten Klänge von Phenomen.

Hierzulande jedenfalls, denn ganz können es die vier noch nicht lassen. Im Sommer stehen ein Auftritt an einem Klassik-Open-Air in Brandenburg bei Berlin und auf dem Weg dazu noch ein paar Konzerte in Deutschland an. Es wird die Reise zum endgültigen Abschied sein.

In goldenen Anzügen

Deutschland. Die Sache hätte sich wohl ganz anders entwickelt, wäre Phenomen dort gross geworden. Stefan Baumann, mit 28 Jahren der Jüngste im Bunde, lässt es offen durchblicken, wenn er von seinen Erfahrungen mit den Nachbarn im Norden erzählt. Diese seien für den typischen Phenomen-Stil weit empfänglicher als das breite Publikum in der Schweiz, stellt er fest.

Und zeichnet gleich den Un­ter­schied: Im hiesigen Umfeld biete fast nur der Mundartbereich ein solides Auskommen. Oder allenfalls noch die, wie er es formuliert, subventionierte «akade­mi­sche Klassik» – als poppig angehauchte Band findet sich Phenomen da nicht wieder. «In der Schweiz weiss man genau, wie Klassik zu interpretieren ist und wie nicht», hält Baumann mit kritischem Unterton fest.

Deutschland erlebt er auch insofern offener, als Klassik dort sogar im Sommer grossen Widerhall findet. Und eben über das Althergebrachte hinausgeht, sich immer neu, pompös, ja frech inszeniert, wie er mit einem Erlebnis aus der Konzerttätigkeit illustriert: «Wir traten einmal in goldenen Anzügen auf und hatten schon Zweifel, ob wir nicht völlig übertrieben. Das Gegenteil war der Fall. Nach dem Konzert sagte man uns, wir seien so bieder dahergekommen.»

Stark verwurzelt

Wieso Phenomen in dieser Situation nicht stärker auf den deutschen Markt gesetzt hat? «Wir sind alle hier verwurzelt, haben hier unser Umfeld und unsere Familien.» Was wiederum finanzielle Pflichten nach sich zieht – Baumann sagt offen, dass die Rechnung am Schluss nicht mehr aufgegangen ist. Zumal der Aufwand nicht nur für die Liveauftritte gross und teuer sei: Die zwei CDs hätten die Finanzen über eine längere Zeit hinweg stark belastet, sagt er.

Interesse erlahmte

Nötig seien die beiden Scheiben aber gewesen, so Baumann weiter, «sonst geht man vergessen». Jetzt blendet er zurück in die Zeit des Jahreswechsels 2010/2011, als Prix Walo und «Die grössten Schweizer Talente» das damals noch junge Projekt Phenomen ins öffentliche Bewusstsein katapultierten. In den folgenden zwei Jahren füllte sich die Agenda des Quartetts quasi von allein, Konzerte wie – zum weit grösseren Teil – Auftritte an privaten Firmen- und Politevents folgten Schlag auf Schlag.

«Das Fernsehen hat uns mächtig Schub verliehen», erinnert sich Baumann. Umso bitterer war dann die Erkenntnis, dass das Interesse genauso rasch wieder erlahmte. Statt Wochenende für Wochenende stand die Band zuletzt noch achtmal pro Jahr auf der Bühne. Das schlug auf die Motivation, die vier legten schon mal eine kreative Pause ein, dachten auch recht früh übers Aufhören nach. Erstmals vor fünf Jahren, als Yves Rico Jacquillard ging – in Dominik Gerber fand sich «zum Glück ein Typ, der ihm charakterlich wie stimmlich sehr ähnlich ist», so Baumann.

In dieser Situation voll auf die Musik zu setzen, kam nicht infrage, «wir gingen nach wie vor unseren Berufen nach». Das wiederum hatte zur Folge, dass das ­Privatleben litt – auch in der Hinsicht stimmten Aufwand und Er­trag plötzlich nicht mehr überein.

Nun die Solokarriere

Die Musik aufgeben werden die vier indes auch nach den Auftritten im Sommer nicht. Für Baumann gilt dies besonders: Als Musikproduzent mit eigenem Tonstudio mischt er schon länger im Musikbusiness mit. Jetzt will er auch seine Solokarriere definitiv lancieren.

Berner Zeitung

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