Phänomenales Phantom: Musikpreis für DJ Sassy J

Am Montag verteilt der Kanton Bern Kulturpreise. Ein Musikpreis geht an DJ Sassy J – endlich!

Michael Feller@mikefelloni

Zunächst war sie ein lokales Phänomen, heute ist sie ein internationales Phänomen. Und auch ein wenig ein Phantom. Sassy J ist in etwa so erpicht darauf wie eine Bankräuberin, in der Zeitung zu stehen. Doch jetzt gibt es allerdringlichste Gründe, über sie zu berichten. Sie nimmt am Montag den mit 15'000 Franken dotierten Musikpreis des Kantons Bern in Empfang.

Viel beachtete Auftritte

Dass eine kantonale Jury einem DJ einen Musikpreise verleiht, kommt nicht alle Jahre vor. Doch bei Sassy J ist es höchste Zeit. Denn Judith Biffiger, so heisst die 37-Jährige Bernerin, die auch als Lehrerin arbeitet, ist in etwa das genaue Gegenteil dessen, was man sich gemeinhin so von einem DJ vorstellt, der am Wochenende schwitzenden, verdrogten Menschen dröhnende Bässe durch die Eingeweide jagt.

Sie ist eine Künstlerin, die viel beachtete Auftritte hinter sich hat in den Hauptstädten der europäischen Clubkultur. In Barcelona, Amsterdam, Manchester, Liverpool, London. Elektronische Musik mag Sassy J auch, aber sie mag noch viel mehr. Afro, Brazil, Hip-Hop, Soul. Und Jazz. Das kommt nicht von ungefähr: Sassy J ist die Tochter von Franz Biffiger, Mitbegründer und langjähriger Präsident der Berner Swiss Jazz School. In ihrem Elternhaus gingen Jazzgrössen ein und aus.

In einem Bericht in der NZZ erinnert sie sich, dass Trompeter Woody Shaw einmal im Wohnzimmer einen Kopfstand gemacht hat, und Dee Dee Bridgewater hat bei der Familie Weihnachten verbracht. Die Eltern lebten für den Jazz. Und das hört man in den Mixen von Sassy J. Was auch immer für Musik sie zusammenbringt – sie bedient sich so frei wie stilsicher im Fundus der Musikgeschichte: Ihre Sets haben eine Jazzseele.

Im Quartiertreff Wyler

Begonnen hat sie mit dem Plattenauflegen als Jugendliche im Berner Quartiertreff Wyler. Ihre erste Leidenschaft galt der Hip-Hop-Musik, bei der das DJing eine wichtige Rolle spielt. Als junge Erwachsene begann sie Partys zu veranstalten, im Wasserwerk, in der Reitschule und in der Dampfzentrale. Ihre Palette wurde bald breiter – auch beeinflusst durch die Avantgardekünstler, die sie selbst nach Bern holte.

In ihren «Patchwork»-Parties hat sie einen Gegenentwurf zum Mainstream geliefert und DJ-Grössen nach Bern gelockt. «Patchwork» ist mehr als nur ein Label: Sassy J gestaltet nicht nur ihre Auftritte, auch die Plakate ihrer Partys macht sie selbst – und ihre eigene Mode. In den gut 20 Jahren, seit denen sie an den Plattenspielern hantiert, hat sie sich zu einem technisch äusserst versierten DJ entwickelt.

In der internationalen künstlerischen Elite spielt sie vorne mit – auch dank etwas Schützenhilfe: 2013 twitterte der BBC-Meinungsmacher Gilles Peterson, Sassy J habe «das beste DJ-Set ever» gespielt. Spätestens seither ist sie in Holland und Grossbritanien, wo die Avantgarde-DJs auf besonders fruchtbaren Boden stossen, eine Figur. Der kantonale Musikpreis wirkt da gegen den Glanz der Szene schon fast ein wenig popelig. Was sagt sie eigentlich dazu? Nach einigen unglücklichen Versuchen kriegen wir sie fast dazu, sich zu äussern. Doch dann klappts doch nicht, das Phantom muss zum Flugzeug.

Berner Zeitung

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