Zum Hauptinhalt springen

Patti Smith: «Johnny Depp ist wie ein Bruder für mich»

Mit dem Hit «Because The Night» stieg Patti Smith 1978 zur Punk-Ikone auf. Heute erscheint ihr elftes Album. In Paris sprach die Künstlerin über Johnny Depp, ihren Bestseller «Just Kids» und warum sie einem Hund ein Lied gewidmet hat.

Reinhold Hönle
«Ich arbeite hart und gerne»: Patti Smith (65) ist Künstlerin, Sängerin, Bestsellerautorin und Lyrikerin.
«Ich arbeite hart und gerne»: Patti Smith (65) ist Künstlerin, Sängerin, Bestsellerautorin und Lyrikerin.

Heute sind Sie nach Paris gekommen, um der Weltpresse Interviews zu geben. Was haben Sie bei Ihrem ersten Besuch 1969 getan?Patti Smith: Als meine Schwester und ich ankamen, fuhren wir zuerst nach St-Germain. Wir gingen in die Kirche und sprachen ein kurzes Gebet. Danach sahen wir uns Picassos Büste des Dichters Apollinaire und all die berühmten Cafés, das Le Fleur und Les Deux Magots, an. Der erste Tag war wunderbar. Und all das steht heute immer noch!

Wie hat Sie dieser Aufenthalt damals inspiriert? Ich war eine junge Künstlerin. Ich hatte meine Mappe dabei, machte Skizzen, auch von den Kinderzeichnungen, die ich an den Mauern sah, und ich schrieb Gedichte. Ich tat in Paris, was ich überall mache.

Mittlerweile sind Sie auch Bestsellerautorin. Wie fühlt sich das an? Es ist interessant, denn ich hätte nie erwartet, dass mein Buch «Just Kids» so bekannt wird. Es ist sehr aufregend, dass es so gekommen ist. Robert Mapplethorpe wäre sehr glücklich.

Weshalb haben Sie das Buch über Ihre Zeit mit diesem Künstler Ende der 60er- und anfangs der 70er-Jahre in New York erst so spät geschrieben? Ich hatte ihm zwar vor seinem Tod 1989 versprochen, dass ich unsere Erinnerungen festhalten würde, aber es war für mich schwer einzulösen, da ich extrem traurig war. Ich musste in meinem Leben so viele Verluste verarbeiten. Mein Pianist starb mit erst 37 Jahren. Mein Mann und mein Bruder starben, danach auch noch meine Eltern. Es war schwierig, über jemanden zu schreiben, der nicht mehr da ist. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich darauf konzentrieren konnte.

Wie hat Mapplethorpe Ihre Entwicklung als Künstlerin beeinflusst? Der wichtigste Beitrag zu meinem Leben war, dass er mein Selbstvertrauen weckte. Ich hatte bereits eigene Visionen und Ideen, wie ich etwas schaffen wollte, aber mir fehlte der Mut, sie umzusetzen.

Hat das Buch «Just Kids» die Texte der neuen Lieder inspiriert? Schwer zu sagen. Ein Buch zu schreiben ist ein einsamer Kampf. Wenn ich die Worte zur Musik von jemand anderem schreibe, habe ich auch eine Verantwortung gegenüber dem Komponisten. Ich denke darüber nach, wie die Leute den Song aufnehmen werden und wie er in Beziehung zu einem anderen steht. Das ist ein ganz anderer Prozess.

In der Schweiz gibt es einen Politiker namens Boris Banga. Er wird sie aber kaum zum Albumtitel inspiriert haben... Nein, Banga ist ein Hund in Michail Bulgakows Roman «Der Meister und Margarita». Es ist der treueste Hund in der ganzen Literaturgeschichte. Ich fand es toll, ihm ein Lied zu widmen (schmunzelt).

Das Lied ist sehr perkussiv. Ja, weil ich es selbst geschrieben habe und ich die primitivste Musikerin in der Band bin. Es ist ein sehr einfacher Punkrocksong mit zwei Akkorden. Ich ahme mit dem Gitarrenriff das Geräusch einer Sirene nach, der ein Hund nachrennen würde. Nachdem ich meinem guten Freund Johnny Depp davon erzählt hatte, nahm er ein Demo auf. In der ersten Minute des Lieds sind nun neben meinem Gesang nur sein Schlagzeug und seine Gitarre zu hören.

Er ist also nicht nur als Schauspieler talentiert... Wenn ich ihn besuche, spielen wir hin und wieder zusammen Gitarre und schreiben ein kleines Lied. Johnny ist ein hervorragender Gitarrenspieler – und wie ein Bruder für mich.

In einem früheren Interview sagten Sie, Sie würden die meisten heutigen Musiker kaum noch mit Namen kennen. Über Amy Winehouse haben Sie aber sogar ein Lied, «This Is The Girl», geschrieben. Weshalb war sie eine Ausnahme? Ihre Stimme war so einzigartig, so hoch entwickelt. Ihr Verständnis, ihr Timing, ihre Intuition im Bezug auf die Musik, die ich schon gehört habe, als ich jung war, Jazz und R&B, waren fantastisch.

Viele Menschen lieben Ihre Stimme. Geht es Ihnen auch so? Ich habe mir selber nie viel aus meiner Stimme gemacht. Seit einiger Zeit mag ich sie mehr. Als ich jung war, wusste ich nicht mal, wie man richtig singt, und habe durch die Nase gesungen. Erst mein Mann hat mir beigebracht, wie man richtig atmet und mit dem Zwerchfell singt.

Wollen Sie mit dem Song «Fuji-san» Trost spenden? Ja. Wir haben den Song für japanische Freunde geschrieben und für ihre Landsleute, die nach dem Erdbeben durch eine nukleare Katastrophe bedroht waren. Die Japaner sind das einzige Volk in der Geschichte der Menschheit, das eine solche grausame Erfahrung schon nach einer Bombardierung durch eine fremde Nation, die USA, gemacht hat. Sie ist in der DNS ihrer Erinnerungen eingebrannt. Wieder dieser Gefahr ausgesetzt zu sein, war für die Japaner sehr entmutigend.

Ihr berühmtestes Lied ist «Because The Night». Kannten Sie Koautor Bruce Springsteen aus Ihrer Jugend in New Jersey? Bruce und ich haben uns damals beide in New York herumgetrieben und waren gerade dabei, unsere volle künstlerische Leistungsfähigkeit zu erreichen. Wir hatten uns vor diesem Song schon live gesehen und hin und wieder zusammen gejamt. Als ich seinem jungen Toningenieur Jimmy Iovine den ersten Job als mein Produzent gab, sagte er mir, dass Bruce an einem Song arbeitete, der zu mir passen würde, dessen Text er aber nicht auf die Reihe bekam. Bruce war damals gerade in einen Gerichtsfall verwickelt und durfte selbst keine Platte aufnehmen. Da es ein Liebeslied in meiner Tonlage war, habe ich es an meinen Ehemann Fred gerichtet.

Ausser als Sängerin und Poetin werden Sie oft auch als Ikone bezeichnet. Was gefällt Ihnen am besten? Arbeiterin. Das sage ich immer, wenn mich Leute fragen, was ich bin. Ich arbeite hart und gerne. Ich schreibe, ich fotografiere, gebe Konzerte und nehme einige Pflichten in der Öffentlichkeit wahr. Arbeit ist eine positive Sache – körperlich, geistig und emotional. Sie lässt uns als Menschen wachsen. Nehmen wir einen Bauern, der 90 Jahre alt ist und noch immer Kartoffeln pflanzt. Er ist gesund, weil er arbeitet. Arbeit tut uns gut!

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch