Nur Musik im Kopf

Am Sonntag feiert ein Dokumentarfilm aus den 1990er-Jahren über Housi Wittlin Premiere. Wir sassen einen Nachmittag lang mit ihm in der Beiz.

So hat alles angefangen: Housi Wittlin als Strassenmusiker in den Berner Gassen.

So hat alles angefangen: Housi Wittlin als Strassenmusiker in den Berner Gassen.

(Bild: Raphael Moser)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Das Wichtigste zuerst: Er ist gesund. Nur die Haare begannen ihm im Sommer auszufallen. Einfach so. Das liege in der Familie, sagt er. Schon seinem Grossvater sei das passiert.

Housi Wittlin (71) ohne seine Mähne ist halt ganz und gar ungewöhnlich, weshalb viele Menschen befürchteten, er sei krank. Todkrank. Ist er nicht. Sagt er zumindest, an diesem Freitagnachmittag in einem Café im Berner Bahnhof. Die Leute ziehen geschäftig vorbei. Die Zeit geht dahin, die Biere kommen in regelmässigen Abständen. Drei werden es sein in drei Stunden. Und am Schluss wird er doch ein Rätsel bleiben.

So ist das wohl auch Hugo Sigrist ergangen vor mehr als 25 Jahren. Der Dokumentarfilmer hat sich damals an Housi Wittlins Fersen geheftet und ihn gemeinsam mit Kameramann Markus Baumann 5 Jahre lang in intimen und auch weniger intimen Momenten, bei Konzerten und in Bandräumen gefilmt. Ein Porträt über diesen eigenwilligen Berner Rocker war geplant. Nur – daraus wurde erst einmal nichts. Hugo Sigrist kann es sich bis heute nicht ganz erklären. Er kriegte die Bilder einfach nicht zu einem Ganzen zusammen. 1996 brach er sein Vorhaben ab und verstaute die Aufnahmen im Archiv.

Housi Wittlin mittendrin

Jetzt, 22 Jahre später, feiert der Streifen doch noch Premiere. Hugo Sigrist hat das Material nochmals gesichtet und etwas darin entdeckt, das eine Generation später plötzlich zu leuchten beginnt. Es ist ein ruhiger, ein wenig nostalgischer Film geworden, über eine wilde und trotzdem nicht allzu ferne Zeit in dieser eigentümlichen Stadt. Es ist ein schönes Zeitdokument geworden über verrauchte Altstadtwohnungen und die eigen­sinnige Berner Musikerszene der 1990er. Und mittendrin Hans «Housi» Wittlin. Einer, der die Musiker zusammenbrachte, sie um sich scharte mit seiner ganz eigenen, anziehenden und doch so schwer zu ergründenden Art.

Housi Wittlin sitzt also da, vor sich ein Bier, er trägt eine schwarze Wollmütze, eine abgenutzte Winterjacke, hinter ihm lehnt die Gitarre an einer Säule. Er sagt: «Das war eine gute Zeit damals. Aber auch nur eine bestimmte Phase in meinem Leben.» Hugo Sigrist sei zum Glück gnädig mit ihm gewesen. «Er hätte mich viel stärker blossstellen können.»

Housi Wittlin war während der Filmaufnahmen schon fast 50 Jahre alt, hatte schon da mehr als ein halbes Künstlerleben hinter sich und immer noch nur die Musik im Kopf. Er war nach der abgebrochenen Lehre zum Kaufmann nie irgendwo angestellt gewesen. Blieb unangepasst, aufmüpfig und süchtig, wie er sagt, nach der Gitarre, dem Strom, ja dem Rock. In Bern ist seine Geschichte bekannt, schliesslich ist er ja so etwas wie ein Stadtoriginal. Generationsgenossen werden sich noch erinnern, wie er in den 1960ern mit den Black Lions den englischsprachigen Rock nach Bern holte und ab 1967 als erster Strassenmusiker überhaupt Aufsehen erregte.

Aber auch wie er Teil der Band Span war, später mit seiner Freundin, der Jodlerin Christine Lauterburg, auf Tour ging und es in den 1980er-Jahren mit seinen Mundartrockplatten sogar in die «Tagesschau» schaffte. Vergessen haben sie auch nicht, wie er mit seinen pointierten, rebellischen und schrägen Texten den damaligen Zeitgeist traf. Und eines wissen auch alle, die sich für Housi Wittlin interessieren: Verändert hat er sich eigentlich nie.

«Faulheit, nicht Kalkül»

Im Film kommt das auch vor. Dort spricht er sogar von einem Konzept, einem unangepassten Lebensstil, dem er treu bleiben will, damit er nachvollziehbar bleibt. Heute sagt er dazu: «So zu leben, war nicht Kalkül. Das war nur Faulheit. Der Weg des geringsten Widerstands.» Er habe nur ein Ziel gehabt im Leben: Immer besser werden. «Ich wollte einfach gute Musik machen. Alles andere war mir egal.»

Von möglichen Begabungen mag Housi Wittlin gar nicht erst sprechen, obwohl jene, die ihn kennen, nur Gutes über ihn sagen. Heute und damals in den 1990er-Jahren. Ein Poet sei er, der beste Songschreiber überhaupt, ein wahrer Künstler, irgendwie genial. «Etwas müssen sie ja sagen.» Housi Wittlin lacht. «Ich hatte nur Glück, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 50 Jahre vorher wäre ich wohl als Tunichtgut versorgt worden.»

«Ich hatte nur Glück. 50 Jahre ­vorher wäre ich wohl als Tunichtgut versorgt worden.»Housi Wittlin 

Tatsächlich hat er nur selten von der Musik leben können. Er sagt es so: «Ich hatte finanziell nie zu kämpfen, weil ich nach der Scheidung nie Geld gehabt habe.» Diese Unbekümmertheit ist typisch für ihn. Und auch nicht etwa eine Alterserscheinung. Schon der Film zeigt Housi Wittlin als ein Blatt im Wind, als einen Mann, der sich ein jugendliches, naives Urvertrauen bewahrt hat und sich auf sein Glück verlässt. Er sei immer dort glücklich gewesen, wo er gerade gewesen sei, sagt er. Ob als Mittelpunkt der Szene in einer der zahlreichen Altstadtwohnungen damals oder jetzt, etwas ab vom Geschehen, in Wittigkofen.

Keine eigenen Texte mehr

Natürlich gab es ihn auch, den Druck der Gesellschaft. «Für einen Teil der Leute bist du als Musiker halt einfach ein Clown. Ein Narr, im besten Sinne.» Das habe auch Polo Hofer immer gesagt. Er geniesse Narrenfreiheit. «Das tue ich auch.» Wie Polo war auch Housi Wittlin politisch, nah an den Themen der Zeit dran. Das merkt man nicht nur den Texten an, sondern auch jetzt im Gespräch. Er verweist pausenlos auf Zeitungsartikel der letzten Wochen. Er ist gut informiert, hat immer ein Zitat oder ein Sprichwort parat. Etwa wenn er über seine Beziehungsunfähigkeit spricht: «Ein Wolf hat den Blick immer am Waldrand.»

Auch heute spielt er in Bands wie Vollmond oder den Repeatles und gibt Konzerte. Nur Texte schreibt er seit 23 Jahren keine mehr, weil er seinen damaligen Albumtitel wörtlich nahm: «Weniger isch meh», wir er sagt. Heute, da alle nach Aufmerksamkeit heischten und doch nicht mehr zuhörten.

Die Leute ziehen immer noch eilig vorbei. Die Gesellschaft habe sich schon verändert, sagt Housi Wittlin noch und sinniert über politische Korrektheit und was man heute so alles nicht mehr darf oder was sich nicht mehr schickt. Drei Biere am Nachmittag zum Beispiel. Ausgelassen hat Housi Wittlin in dieser Hinsicht nichts. Der Rausch, auch das kommt im Film vor, ist ihm wichtig. In unserer Gesellschaft sei das nicht so. «Deshalb gebe ich ein wenig Gegensteuer», sagt er. Früher hätten ja viele gedacht, er werde nicht alt mit diesem Lebenswandel.

Premiere «Weniger isch meh»: So, 16. 12., 18.30 Uhr und 21 Uhr, Cinématte, zwei Vor­stellungen in Anwesenheit von Hugo Sigrist und Housi Wittlin.

Berner Zeitung

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