Neue Frisüre gefällig?

Auf ihrem Album «Nouvelle Frisüre» erzählen Greis und Benjamin Noti alias Noti Wümié haarsträubende Geschichten von fatalen Sommerflirts, tanzenden Toten und falsch zugestellten Briefen. Wunderbar.

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Bern hat einen neuen Sommersong: Er heisst «Mörderin» und beginnt auf einem Campingplatz in der Bretagne. Hier lernt Anna Sabrina – «Lieblingsässe Bolonieess u Lieblingsfarb isch Lila» den hageren Till aus Belgien kennen. Sie verlieben sich, werden «zum Lieblingspaar vom ganze Campingplatz».

Sie versprechen sich, es sei für immer. Und glauben es auch. Bis sie abreist und er spurlos verschwindet. «Sie isch e Mörderin, nid nume im übertragne Sinn», klingt es im Refrain. Die Täterin wird zur Serienmörderin, sie reisst Männer auf und bricht Herzen am laufenden Band.

«I jedem Fründschaftsbuech isch si uf dr erschte Site, u farbig steit ‹der Klassegloon›, wenn si sech sött beschriibe.»Aus dem Song «Mörderin»

Zu blutig für einen Sommerhit? Nein, denn erstens darf ein Sommersongtext auch mal mehr als «baila baila», und zweitens ist die Geschichte eingepackt in ein luftiges Gewand aus Gitarre, einen packenden Refrain und heiteren Sarkasmus: «Es louft o nüt chrumm, sie bringt eifach ab und zue öpper um», singt Grégoire Vuilleumier alias Greis, be­gleitet vom Gitarristen Benjamin Noti.

Gemeinsam sind sie Noti Wümie und bringen Rap und Gitarre zusammen, als wären sie nie getrennt gewesen.

Wagemutig

Diese ungewöhnliche Fusion funktionierte auf der EP «Madeleine», die 2013 erschien, und sie gelingt auch auf dem Debütalbum «Nouvelle Frisüre». Es enthält neben sechs eigenen Liedern fünf Cover von Chansons, die sich Noti Wümié einverleibt haben. Leicht gemacht haben sie es sich dabei nie.

Das merkt man allein daran, dass sie sich Berns heiligen Grals angenommen haben – nein, nicht YB. Mani Matter. Am 1972 verstorbenen Liedermacher sind schon viele gescheitert. Wer ihn bloss kopieren will, hat schon verloren.

Französisch

Noti Wümié gingen einen anderen Weg: Matters wunderbar trauriges Lied «Alls wo mir id Finger chunt» hat der bilingue Greis auf Französisch übersetzt. Fast Wort für Wort.

Ein kluger Schachzug: Mani Matter rückt durch die Übersetzung noch näher an das französische Chanson. Musikalisch übersetzen sie die schlichte Gitarrenbegleitung in ein modernes Chansongewand mit leicht stampfenden Rhythmus, was der Melodie mehr Frische und dem traurigen Text Leichtigkeit verschafft.

Greis zeigt sich auch hier als einer, dem das Geschichten­erzählen liegt. In «Brief» – im Original «La lettre» des französischen Liedermachers Renan Luce – entfernt sich das Duo ebenfalls vom Original. An die Stelle des Rockigen, Treibenden setzt es die Melancholie und die Entschleunigung. Und verpasst dem skurrilen Text einen dunkeltrüben Filter.

Die Herren Noti und Vuilleumier sind eine Wundertüte und überraschen sich auch gern selbst, indem sie live zu improvisieren pflegen. Gerade Greis fällt es leicht, Emotionen zu erzeugen, ohne emotional zu werden. Es ist eine Freude, dem 40-Jährigen zuzuhören, wie er vom Gesang nahtlos zum Rap wechselt und mit Stilen jongliert.

«Badmantu» etwa ist orientalisch angehaucht mit einem anspruchsvollen Rhythmus. Es geht um einen Mann, der seine tote Frau wiedersieht – auf der Strasse, wild tanzend wie ein Derwisch. Erst glaubt ers nicht, dann tanzt er mit. Taumelnd zwischen Trauer und Euphorie. In «Lafrage» und in «Ässe» wiederum dominieren Leichtigkeit und Wortspielereien.

Aufgeschlitzt

So kommt das Album «Nouvelle Frisüre» insgesamt experimentierfreudiger daher als die EP vor fünf Jahren, musikalisch vollmundiger, ja auch selbstbewusster. Als hätten sich Noti Wümié damals erst mal ein bisschen umsehen wollen in der Chansonwelt.

«Wümié, du muesch lehre zverliere», sagt Anna Sabrina im Song «Mörderin» schliesslich zu Greis. Dann macht sie ihn kaltblütig zu ihrem jüngsten Opfer, während die Melodie frech von dannen hüpft: «Si list mer vo de Lippe, i wird mi letschte Wunsch no los. Si het nie zuckt nid mit dr Wimpre, schlitzt mi uuf mit Nonchalance.»

Es sind diese Doppelbödigkeiten und dunklen Zwischentöne, mit denen Noti Wümié der Liedermacherei eine willkommene «nouvelle Frisüre» verpassen.

Noti Wümié: «Nouvelle Frisüre», Zytglogge-Verlag. Erscheint am Freitag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.04.2018, 11:58 Uhr

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