Nächster Halt: Kaiseraugst

Maya Wirz, singende Buschauffeuse, ist das «grösste Schweizer Talent». Doch Castingsternchen wie sie verglühen rasch.

Carmen … Wie hiess sie schon wieder, die fromme Wuchtbrumme aus dem Rheintal? Und wie die singende Coiffeuse aus Brig? Vorbei, vergessen, die Musicstars aus dem Fernsehen. «Käthle» aus Brienz? Das Gästebuch ihrer Website, verwahrlost, ist voller Spam-Einträge, die in polnischer Sprache Potenzpülverchen anpreisen. Nur ein einsamer Fan fragt: «Hi katharina wann hört man wieder was von dier??» In Castingshows erworbener Ruhm ist flüchtig.

Am Sonntag hat unser Öffentlichrechtliches wieder einen «Star» ausgespuckt: Maya Wirz, Busfahrerin aus Kaiseraugst AG, vom Volk per Tastatur zum «grössten Schweizer Talent» gedrückt. Gestern früh, nach drei Stunden Schlaf von Interview zu Interview geschleift, wurde die bedauernswerte 49-Jährige nicht müde zu betonen, dass sie nun ihren Job aufgebe und Profisängerin werde. Seit Wochen befeuert der «Blick» das Rührstück vom unscheinbaren Entlein, das endlich seinen Lebenstraum verwirklicht.

Nur: Dieses Rührstück gibt es schon. Und zwar im XXL-Format. Susan Boyle, die pummelige Schottin, die in «Britain’s Got Talent» triumphierte, wurde auf SF ja auch immer wieder zum Vergleich herangezogen. Aber wie immer im Musikgeschäft – wer mit einem Weltstar verglichen wird, hat schon verloren. Boyle, das Original, ist dank Youtube Kult und hat ausgesorgt, seit sich ihre Platte «I Dreamed a Dream» neun Millionen Mal verkaufte. Doch Grossbritannien ist der zweitmächtigste Musikmarkt der Welt, zusammen mit den USA seit je tonangebend. Kommt dazu: Boyles Geschichte war echt bewegend, ihre Stimme ebenso. Dagegen ist eine «Schweizer Susan Boyle» chancenlos.

Echte Opernstars

Sony Music wird hurtig eine CD herausbringen, bevor der Rummel verebbt. Erschwerend ist, dass Wirz kein Mainstream-Genre pflegt, sondern klassischen Gesang. Den spielt kein Sender ausser DRS 2, und dort werden echte Opernstars gespielt – diejenigen, die, mit Verlaub, besser singen als «das grösste Talent». Sony kann versuchen, seinen Instant-Star in die populäre Musical-Ecke zu drängen. Auch so werden sich die horrenden Kosten, ein Orchester auf Tour zu schicken, freilich im kleinen Land nicht rechnen, und Frau Wirz wird im Halbplayback die Eröffnung der einen oder anderen Hyundai-Filiale beschallen, ehe ihre fünfzehn Minuten Ruhm verklungen sind.

Nicht, dass man es ihr wünschte. Aber in einem Jahr dürfte Maya Wirz weg vom Showfenster sein und wieder Bus fahren. Nächster Halt: Kaiseraugst. Insofern war ein gewisser Herr Bieri, Wirz’ Chef, bei all dem Hype umsichtig: Er hat seiner vorübergehend berühmten Angestellten freigegeben. Aber nur für eine Woche.

Tages-Anzeiger

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