Nach 15 Minuten machen alle den Spagat

Mitten in Bern ist die grösste Tanzschule der Schweiz beheimatet. Vor dem Tanzfest, das dieses Wochenende unter anderem in Thun und Bern stattfindet, haben wir nachgefragt: Wieso ist Tanzen so beliebt?

Eine Kostprobe aus der Berner Tanzschule. Video: Nicole Philipp
Marina Bolzli@Zimlisberg

Die Tür liegt gut versteckt am Ende eines unscheinbaren Durchgangs. Wüsste man nicht, dass hier der Eingang zur Tanzschule ist, man würde ihn nicht bemerken. Dabei könnte das Gebäude der New Dance Academy gar nicht zentraler liegen, gegenüber vom Berner Bahnhof, gleich neben dem Bastelzentrum.

Und wer die Glastür öffnet, taucht ein in eine andere Welt. Das kleine, tageslichtlose Entree wird dominiert von einer Glasvitrine, die vollgestellt ist mit Pokalen. Aus dem Saal nebenan klingt Hip-Hop. Es ist 19 Uhr an einem gewöhnlichen Dienstag, einige der kleinen Bistrotische sind besetzt, eine junge Frau löst mit dem Taschenrechner Mathematikaufgaben, eine andere liest mit Kopfhörern im Ohr ein Buch, ein Mann im Anzug scheint auf etwas zu warten. Plötzlich rauscht ein ausgeflippter Typ herein, fragt auf Englisch nach der Ballett-Klasse und verschwindet im Untergrund.

Täglich finden in diesen Räumen mehr als 20 Tanzkurse statt, oft 4 gleichzeitig. Die New Dance Academy ist eine Erfolgsgeschichte. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat Tanzlehrerin und Teilhaberin Tanja Mikhail. Sie ist seit der Gründung vor 21 Jahren mit dabei. An diesem Abend unterrichtet sie Jazz für Fortgeschrittene.

Jazztanz für Fortgeschrittene: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind in der Regel unter 30 Jahre alt. Foto: Nicole Philipp

Die Uhr zeigt 19.10 Uhr, die unscheinbare Glastür öffnet sich nun im Sekundentakt, lässt immer mehr Leute ein, junge Menschen, mit Trainingstaschen und guter Laune. Um viertel nach fangen die meisten Kurse an.

Auch Tanja Mikhails Kurs. Gut 20 junge Frauen und ein Mann stellen sich im Saal mit Tanzboden und Spiegelverglasung auf, wärmen sich im Gleichtakt zu den Beats von Alice Merton auf. Nach 15 Minuten machen sie alle den Spagat.

Breakdance ist ein Klassiker

Die New Dance Academy ist die grösste Tanzschule der Schweiz. Fast 2000 Schülerinnen und Schüler besuchen die rund 200 Kurse. Während im Haupthaus Einzeltanz unterrichtet wird, gibt es im Ableger Tanzlounge an der Neuengasse nur Paartänze. «Das Interesse hat sich mit dem Angebot verändert», sagt Tanja Mikhail.

Früher habe es nur spezialisierte Schulen gegeben, man musste sich für einen Stil entscheiden. Und in vielen Dörfern habe man auch nicht auswählen können. Getanzt wurde, was es halt gab. «Heute tanzen viele Leute mehrere Stile», sagt die 45-Jährige.

Im Internet informiert sich die potenzielle Kundschaft genau, bevor sie sich für eine Richtung entscheidet. Auch Modestile wie Zumba hat die New Dance Academy kurzzeitig in ihr Programm aufgenommen. «Das sind Trends, die wieder abflachen», sagt Mikhail, «aber sie spülen neue Leute in die Schule, einige davon bleiben.»

Tanja Mikhail (an der Stange) ist einer der Gründe für den Erfolg der New Dance Academy. Foto: Nicole Philipp

Die New Dance Academy setzt hauptsächlich auf «die vier Klassiker»: Hip-Hop, Jazz, Breakdance und Ballett. Bei allen vier Richtungen sei das Interesse konstant, wobei Jazz in letzter Zeit wieder einen Aufschwung erlebt habe, da dort auch viele neue Einflüsse aus anderen Stilen aufgenommen worden seien.

Und die Tanzenden seien fast immer jung. «Leider hören die meisten auf, wenn sie älter werden, weil es immer noch zu wenig Angebote für über 30-Jährige gibt», sagt Mikhail.

Während Jazz, Ballett und Hip-Hop mehr Frauen anziehen, tanzen fast ausschliesslich Männer Breakdance. «Es ist brutal physisch, man ist sehr oft am Boden, hat immer blaue Flecken, es ist der verletzungsanfälligste Tanzstil.» Ihre Schule war 2000 die erste, die Breakdance anbot.

Profi im Vernetzen

Mikhail macht vor allem einen Grund dafür verantwortlich, dass das Interesse am Tanz steigt: «Heute können die Tänzer ihre Leidenschaft auch auf der Bühne und in der Öffentlichkeit ausleben. Das war vor wenigen Jahren noch anders.»

Die New Dance Academy ist diesbezüglich engagiert. Eben waren einige Showtänzer in der SRF-Fernsehsendung «Darf ich bitten?» zu sehen. Mit Konzert Theater Bern besteht ein enger Austausch. Tänzerische Statistenrollen werden oft mit Schülern aus der New Dance Academy besetzt. Zum Beispiel auch im Tanzstück «Paul Klee», das diesen Freitag Premiere feiert.

An der New Dance Academy wird leidenschaftlich getanzt. Foto: Nicole Philipp

Vernetzung ist das Stichwort – und Tanja Mikhail ist darin Profi. Egal, ob es sich beim Partner um ein Museum, ein Einkaufszentrum oder einen Sportartikelhersteller handelt. Damit ist die New Dance Academy, eine Tanzschule für Laien, die aber bei vielen den Berufswunsch Tänzer weckt, weiter als andere.

Einziger Mann im Kurs

Mikhails Jazz-Klasse übt mittlerweile die Choreografie, die sie an der Tanzschulvorstellung Ende Juni zeigen will. Springt synchron mit hoch erhobenen Beinen in die Luft, legt sich galant auf den Boden und hüpft wieder hoch. Dann gibt es eine kurze Pause. Der 18-jährige Lehrling Nick Herren ist ganz ausser Atem und total verschwitzt. Er tanzt seit 3 Jahren Jazz.

«Es ist mein Entfliehen aus dem Alltag, in dieser Zeit muss ich nichts anderes denken, ich kann meine Emotionen zeigen und den Gefühlen freien Lauf lassen», sagt er. Es sei noch nie ein Problem für ihn gewesen, dass er der einzige Mann im Kurs sei. Lisa Perissinotto, 26 und mit wilden blonden Locken, fing mit 5 Jahren in der New Dance Academy an.

Heute unterrichtet sie selber Hip-Hop in der Schule. «Wenn ich einen schwierigen Tag hatte, gehen die schlechten Gefühle weg, sobald ich tanze», sagt sie. Und Nina Stutz, 28 und feingliedrig, die seit den Anfängen der New Dance Academy dort Ballettunterricht nimmt, sagt: «Tanzen gehört einfach zu meinem Leben.»

Tanja Mikhail klatscht in die Hände, die Schülerinnen und Schüler stehen sofort auf, stellen sich an ihren Platz. Es geht weiter.

Tanzfest: 3.–5. Mai, Thun und Bern (diverse Orte). Das detaillierte Programm und weitere Infos gibt es unter: www.fetedeladanse.ch

Berner Zeitung

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