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Musikalische Herbstwanderung

Nur wenige Kontrabassisten bringen ihr Instrument so wehklagend zum Singen wie Mich Gerber. Mit «wanderer» stellt der Berner sein neues Album vor.

Mit gemächlichen, raumgreifenden Schritten eine karge, weite Landschaft durchstreifend: So stellt man sich Mich Gerber als Wanderer vor, wenn man sein neues Album mit ebenjenem Titel anhört. Es ist eine ausgedehnte Wanderung, auf die einen der Berner Kontrabassist auf seiner jüngsten Produktion mitnimmt: tief in die Alpentäler, wo Anklänge an Volksmusik zu erahnen sind (so im Stück «Zervreila»), vorbei an einem alten Klostergemäuer, aus dem ein gregorianischer Choral aufsteigt («Anima», zusammen mit dem Vokalensemble Chant 1450), dann wieder mitten ins Herz der pulsierenden Grossstadt («Simple Note» mit dem Spoken-Word-Künstler RQM). Und immer wird man begleitet vom warmen, sehnsüchtigen Klang des Kontrabasses.

Hat es Mich Gerber auf seinen letzten beiden, von schmalbrüstigen Trip-Hop-Beats dominierten Alben in musikalisch nicht besonders fruchtbare Gegenden verschlagen, so findet er mit dem vorliegenden Werk wieder zurück zum organisch-naturwüchsigen Klang des Kontrabasses. Ganz so, wie man ihn von seinem allerersten Album «Mystery Bay» her kennt.

Erhabene Klangmomente

Mit voller Wucht entfaltet sich der majestätische Ton seines Instruments. Von monumentaler Schönheit sind insbesondere die schlichten Nummern, auf denen der Kontrabassist sein eigenes Orchester ist; dann, wenn er ganz alleine und nur mit Hilfe von Live-Loops Schicht um Schicht auftürmt zu erhabenen Klangmonumenten, um darauf mit einem warmen, erdigen Ton seinen Solopart zu setzen. Wie Mich Gerber da den Kontrabass zum Singen bringt, ist schlicht ergreifend. Der ruhige, beinahe meditative Gestus, der sich durch das gesamte Album zieht, wird immer wieder aufgebrochen durch die verschiedenen Mitwanderer, die Mich Gerber auf seine Erkundungsreise eingeladen hat. Insbesondere die in London lebende Sängerin Bajka entpuppt sich als spannende Begleiterin und belebt mit ihrer energischen Stimme die ansonsten eher introvertierten Klanglandschaften, die Mich Gerber zusammen mit dem Züri-West-Schlagzeuger Gert Stäuble und dem Perkussionisten Frederik Gille erschafft.

Die zornige Unruhe, mit der Bajka ihre Spoken-Word-Passagen vorantreibt, verleiht der Musik einen wohltuenden Vorwärtsdrang. Besonders das Duett mit dem Berner Rapper Greis auf «Force of the Universe» ist von so hoch konzentrierter Energie, dass man wünscht, der Song höre nie mehr auf.

Imaginäre Weltmusik

Mich Gerbers Musik besticht seit je mit einer Originalität, die sich kaum einordnen lässt. Das ist auch dieses Mal nicht anders. Mit «wanderer» entwickelt er seine ganz eigene, imaginäre Weltmusik weiter und erkundet neue musikalische Landstriche. Dass das Album just auf den Herbstanfang erschienen ist, kann wohl kein Zufall sein: Mit dem melancholischen Grundton sind es musikalische Wanderungen für kalte, windige Herbsttage, auf die uns Mich Gerber mitnimmt.

Die CD: Mich Gerber, «wanderer», Weltrekords/Sound Service

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