Matters Überbleibsel

Vierzig Jahre nach den «Sudelheften» erscheinen unveröffentlichte Textentwürfe aus dem Nachlass von Mani Matter. Eine fragwürdige Bergungsaktion.

In einem neuen Buch sind bislang unveröffentlichte Werke von Mani Matter zu lesen.

In einem neuen Buch sind bislang unveröffentlichte Werke von Mani Matter zu lesen.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Was er wohl sagen würde zu den trumpierten Wahlen in Amerika? Vielleicht dies: «Stumm / hei sie gstimmt // aber was / si gstimmt hei / het nid gstumme // tumm / hei si gstimmt.»

«fehlentscheid» nannte Mani Matter sein undatiertes Gedicht. Es ist einer von zahlreichen Texten aus dem Nachlass Matters, die nun erstmals an die Öffentlichkeit gelangen. Joy Matter hat sie in monatelanger Arbeit transkribiert und mit ihrer Tochter Meret herausgegeben – Gedichte, ein paar unfertige Chansons, vor allem aber Prosastücke.

Publikationstauglich?

Eine glückliche Bergungsaktion – oder ein «fehlentscheid»? Ganz sicher scheinen sich die Herausgeberinnen nicht gewesen zu sein. Zwölf Berater beugten sich über das Textmaterial, darunter Jürg Halter, Pedro Lenz, Raphael Urweider, Lukas Bärfuss und Guy Krneta. Letzterer berichtet im Vorwort von einem mehrstufigen Auswahlverfahren, von Diskussionen über die Publikationstauglichkeit des Materials.

Die Sammlung, die nun unter dem Titel «Was kann einer gegen Zen Buddhisten» erscheint, ist ernüchternd. Die meisten Texte sind Entwürfe, die Matter selbst kaum als publikationswürdig erachtete. Was er veröffentlicht haben wollte, erschien postum in «Sudelhefte» und im «Rumpelbuch».

Sie öffneten den Blick auf den vielseitig interessierten und talentierten Denker Matter. Und in ihnen verband sich philosophische Originalität mit feinem Witz – eine Mischung, die man im neuen Band meist vergeblich sucht.

Endlich: «Der Unfall»

Immerhin: Erstmals ist nun der Text der Kammeroper «Der Unfall» zugänglich – das mit Abstand gewichtigste Stück im Band. Matter hatte es Ende der Sechzigerjahre zu schreiben begonnen. Als er starb, blieb das Werk als Fragment liegen, zuvor hatte er es immer wieder um­gearbeitet. Rund hundert Seiten umfassen die Entwürfe im Nachlass.

Die Herausgeberinnen indes verzichteten darauf, die Entstehungsgeschichte zu dokumentieren, was zu bedauern ist. Man habe, heisst es, ein Lesebuch an­gestrebt, keine wissenschaftliche Publikation. Mag sein.

Dass sich Berater wie Raphael Urweider «minimale Interventionen» an Matters Texten leisteten, die undeklariert bleiben, nimmt man dennoch verwundert zur Kenntnis. Bei allem Respekt für die grosse Arbeit: Mit dieser Publikation hat die Familie dem Literaten Matter keinen Dienst getan.

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