Liebe zum Verschwenden

Der nasale Sprechgesang ist sein Markenzeichen: Der Hamburger Rapper und Soulsänger Jan Delay fischt in allen Musikwassern – am Freitag bringt er ein Rockalbum heraus. Fast jedenfalls.

Gerne mal was Neues: Der 38-jährige Hamburger Jan Delay als Dandyrocker.

Gerne mal was Neues: Der 38-jährige Hamburger Jan Delay als Dandyrocker.

(Bild: Paul Ripke/zvg)

Einen Anzug hat er schon immer gern getragen. Je nach Phase war er weiss mit rosafarbener Krawatte oder pink mit blauer Krawatte. Er war auch schon schwarz mit Fliege. Momentan trägt Jan Delay Dunkelbordeaux, mit schwarzem Lederrevers und Krawatte in Animalprint. Das ist seine Interpretation des Dandyrockers Jan Delay, den er zurzeit verkörpert.

Die Verwirrung ist seine Passion, der Wechsel seine Konstante. So gerne Jan Phillip Eissfeldt die Anzüge wechselt, so viele Künstlernamen trägt er. Als Solokünstler nennt er sich Jan Delay. Bewegt er sich musikalisch mehr im Untergrund, nennt er sich Boba Ffett, angelehnt an den Auftragskiller Boba Fett aus «Star Wars». Als Teil der Hip-Hop-Gruppe Beginner (ehemals Absolute Beginner) heisst er Eizi Eiz, manchmal Eissfeldt. Auch den musikalischen Stil ändert der 38-jährige Hamburger gerne mal radikal. Er fing an mit Hip-Hop, mischte alles Mögliche mit Reggae und nahm schliesslich mit «Wir Kinder vom Bahnhof Soul» (2009) ein Funk- und Soulalbum auf – und machte immer irgendwie auch Popmusik. Manchmal klang das eigenbrötlerisch, manchmal schrammte es knapp am Mainstream vorbei.

Headbangen?

Nun ist Jan Delay mit «Hammer&Michel» also beim Rock gelandet. Musikalisch scheint die Sache zu Beginn des Albums jedenfalls klar zu sein: Im Einstiegssong «Liebe» röhren die Gitarren der Band Disko No.1, es raunt rotzig der Bass, es stürzt sich das Schlagzeug rasend in die Euphorie. Man möchte Harley fahren. Oder wenigstens ein bisschen Headbangen.

Doch inhaltlich ist das Lied eine universelle Liebeserklärung: «Ey, ich hab Liebe fürs Feiern / Liebe fürs Tanzen / Liebe für Zweifel / Für Ecken und Kanten / Für alles, was anders ist.» Sogar Neurosen, Tourette und Uli Hoeness bekommen ein bisschen Liebe ab. Jan Delay hat Liebe zum Verschwenden. Allerdings wird der Gefühlsrausch vom Backgroundgesang («Alles Hippiescheisse») bald wieder gedämpft. So einfach ists dann eben doch nicht mit der Liebe für alle und mit dem Rocker Jan Delay sowieso nicht. Der Tausendsassa liebt es, mit Stilen zu jonglieren, Erwartungen aufzubauen und zu enttäuschen. Ganz aus seiner Haut kann – und will – er dann doch nicht. So ist das Album eine wilde Mischung aus Rockzitaten, Funk, politischen Statements und Spass. Am Ende riecht es noch ein bisschen nach Lederjacke. Aber ein Rockalbum ist es nicht.

Dicke Kinder

Dafür ist es zu ironisch, zu distanziert, der Funk zu dominant («Nicht eingeladen», «Strasse», «Action») und die Themen zu breit (dicke Kinder, Politik, träge Bürger). Dass das trotzdem wie ein organisches Ganzes daherkommt, liegt an der Schnörkellosigkeit der Arrangements und dem griffigen Spiel der Band. Und ja: an der ultranasalen, durchdringenden Stimme Jan Delays, die man unter Tausenden wiedererkennen würde. Dieser Sprechgesang, so auf den Punkt gebracht und gleichzeitig so klangvoll, ist die wahre Konstante im Kosmos dieses schillernden Anzugsträgers.

Berner Zeitung

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