Liam Gallagher singt gegen das Wiesel an

Eine Oasis-Wiedervereinigung scheint ausgeschlossen zu sein. Macht ja nichts – weil Liam Gallaghers neues Album weiterhin nach der Brit-Pop-Band klingt.

Der Schatten fällt nicht mehr auf ihn: Liam Gallagher. Foto: Reuters

Der Schatten fällt nicht mehr auf ihn: Liam Gallagher. Foto: Reuters

Halleluja! Liam Gallagher fühlt sich frei, denn das Licht hat ihn wiedergefunden. Die Dunkelheit hüllt nun einen anderen ein, jemanden, den der ehemalige Oasis-Sänger im ersten Song seines neuen Albums «Why Me? Why Not.» als «Schlange», als «Wiesel» und also als Betrüger brandmarkt.

Man könnte diese Zeilen als Abrechnung gegen eine ehemalige Liebschaft hören. Aber weil das Interessanteste am ehemaligen Oasis-Sänger noch immer die Fehde mit seinem älteren Bruder Noel ist, muss man den Song «Shockwave» auf diese verhasste Person seines Lebens ummünzen.

Sein Bruder, ewige Qual seines Lebens.

Die Beziehung zwischen den beiden, die in den Neunzigern die Brit-Pop-Hymnen zum Cool-Britannia-Zeitalter lieferten, ist derzeit auf einem neuen Tiefpunkt angelangt, wie Liam kürzlich sagte. Von dieser gegenseitigen Abneigung zeugt auch ein Interview, das Noel Gallagher dem «Guardian» unlängst gegeben hat. Liams Musik hält er für «primitiv», die Stimme kann er nicht ausstehen. «Immer, wenn ich ihn treffe, ist er sehr höflich, und man kann in seinen Augen sehen, dass er kurz davor steht, sich in die Hose zu machen», liess Noel verlautbaren. Eine Oasis-Wiedervereinigung scheint unter diesen Vorzeichen ausgeschlossen zu sein. Glücklichere Zeiten, bevor Oasis zusammenbrachen: Noel und Liam Gallagher im Jahr 2008. Foto: Getty Images

Während Noel Gallagher den vergangenen Bandzeiten nicht mehr gross nachzutrauern scheint und in seinen aktuellen Songs eher die Schnittstellen zwischen Rave und psychedelischem Pop auslotet, klingt Liam auf seinem zweiten Soloalbum noch immer nach Oasis. Er hat sich dafür die teuren Songwriting- und Produktionsdienste von Andrew Wyatt und Greg Kurstin gesichert. Sie haben dem 46-Jährigen neue hymnische Refrains auf den Leib geschrieben, für die einst auch sein Bruder berühmt war.

Das funktioniert insbesondere in der mit dramatischen Streichern aufgeladenen Ballade «Once», dem sehr glücklich klingenden «Now That I've Found You» und der Schlussnummer «Gone» sehr gut. Weil Liam Gallagher mit seiner unverkennbar nölenden und vor allem auch präsenten Stimme natürlich nicht nach einem klingt, der kurz davor ist, seine Hosen einzunässen. Man fragt sich dann, wie bereits beim Anhören seines ersten Albums «As You Were», aber auch immer wieder, wer denn überhaupt neue Songs wie «Be Still» braucht, wenn doch die Bandklassiker immer noch weit überzeugender klingen.

Die Antwort ist recht einfach: Es sind weit mehr, als dies noch vor zehn Jahren der Fall war. Damals lösten sich Oasis nach einem wüsten Streit bei einem Pariser Konzert auf – Liams Nachfolgeband Beady Eye dümpelte lustlos dahin, ehe er unter seinem eigenen Namen immerhin den ersten Platz der englischen Hitparade erreichen konnte.

Das wird auch mit «Why Me? Why Not.» gelingen, selbst dann, wenn sich nach der anfänglichen Abrechnung mit dem Wiesel nicht mehr viel findet, das Indizien über den Stand des Bruderzwists liefert. Halleluja!

Liam Gallagher: «Why Me? Why Not.», Warner

Konzert: 20. 2. 2020, Halle 622, Zürich

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