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Timberlake singt in Zürich am Lagerfeuer

Justin Timberlake ist nun ein Holzfäller, spiessige Landlebenfantasien inklusive.

Freundlicher Jedermann: Justin Timberlake, hier an seinem «Man of the Woods»-Konzert in Norwegen. Foto: Keystone
Freundlicher Jedermann: Justin Timberlake, hier an seinem «Man of the Woods»-Konzert in Norwegen. Foto: Keystone

Wir sind in der 77. Minute des Hallenstadion-Konzerts von Justin Timberlake, und es fehlt eigentlich nur die Wurst. Denn auf einer der verschiedenen Bühnenplattformen wird tatsächlich ein Lagerfeuer entzündet, so, wie sich das gehört, wenn sich einer dem Leben in der Wildnis hingibt.

Die Musiker sitzen als Freunde verkleidet auf währschaften Holzbänkchen und der 37-Jährige Timberlake mimt mit seiner Gitarre den Balladensänger. Er stimmt zunächst ein eigenes Lied an, überlässt dann das Mikrofon seiner formidablen Backgroundsängerschaft, die geliehene Songs von Lauryn Hill, den Beatles oder John Denver singt.

Und man wusste spätestens bei dieser Brätlistell-Sequenz, am Ende dieses geschichtsträchtigen Donnerstags, an dem zuerst der 60. Geburtstag Madonnas gefeiert und später der Tod von Aretha Franklin betrauert wurde: Wir waren eigentlich schon mal weiter im Mainstreampop als das beim Schweizer Datum seiner «Man of the Woods»-Tour zu hören war.

Spiessige Landlebenfantasien

Aber Pop ist ja keine Fortschrittsgeschichte und so klingt der Justin Timberlake aus den Nullerjahren mit seinen grossen Alben «Justified» und «FutureSex/LoveSounds» immer noch weit zeitgenössischer als das mit spiessigen Landlebenfantasien getränkte «Man of the Woods».

Dass dies kein gänzlich reizloses Album ist, ist aber gleich zu Beginn dieser zweistündigen Show zu sehen und hören: Timberlake liefert sich tanzend einen Kampf mit den Laserstrahlen, seine 15-köpfige Band fährt gross auf und spielt «Filthy» als Stop-und-Go-Splattersoulsong.

«Haters gon' say it’s fake – so real», deklamiert dann Timberlake. Und wenn er dieses klassische Pop-Rollenspiel, das er in diesem frenetisch gespielten Song entwirft, auch annehmen würde, dann könnte man von einer Rückkehr des Popthronfolgers aller Klassen berichten.

Verzettelt: Die «Man of the Woods»-Show, hier in San Jose. Video: Youtube

Aber es wird dann doch leider ein lange Zeit frustrierender Abend. Das liegt nicht daran, dass der supernormale Alleskönner Timberlake im ersten Teil des Konzerts ein eigenes Tour-T-Shirt trägt, als wäre er sein grösster Fan oder aber ein armer Musiker, dem während der Tour die saubere Wäsche ausgegangen ist. Und schon gar nicht an den mühelosen «R-E-S-P-E-C-T»-Einschüben für Aretha Franklin, die Timberlake in einer Trinkrede als «greatest of all time» würdigt. Sondern daran, dass sich diese Show auf nichts konzentrieren kann: Nicht auf die Musik, nicht auf die Tanzchoreografien, schon gar nicht auf den Standort. Timberlake verlässt immer wieder die Hauptbühne, um auf dem verschlungenen und mit Bäumen geschmückten Laufsteg durch die ganze Halle zu tanzen, und mal für jene Fans, mal für die anderen Fans singt. Und das restliche Publikum nicht mitreisst, sondern einfach vergisst.

Erstaunlich ist das schon, dass eine Inszenierung dieser Grösse so lange nicht in der Lage ist, ein Zusammensein zu zelebrieren, das länger dauert als ein Refrain, als eine bombastische Version seines Erkennungssongs «Cry Me a River» oder ein Kniefall vor dem Publikum. Aber wenn er es nach der Lagerfeuer-Sequenz immer öfters schafft, sich auf die Songs einzulassen und nicht wie ein Shownummernbub alle Könnerschaft abspult, dann glaubt man ihm am Ende doch, dass da ein Gefühl in seinem Körper ist, das sich nicht stoppen lässt. Man könnte dieses Gefühl auch schlicht als Soul bezeichnen – auch wenn es an diesem Tag sehr schwer fällt.

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