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Kleinstadtsongs im Grossformat

Mit «The Nashville Sound» empfiehlt sich Jason Isbell als Stimme einer neuen Generation der Country Music. Er kennt die Sorgen der kleinen Leute des «Bible Belt» in den Südstaaten der USA, doch er hat keine einfachen Lösungen.

«Ich komme aus einer Kleinstadt im ländlichen, religiösen Bible Belt des US-Südens», erzählte Jason Isbell einer englischen Musikzeitschrift. «Ich war mir sicher, dass die Leute dort nie ein Arschloch wie Trump wählen würden – egal, wie vernachlässigt und übervorteilt sie sich fühlen. Doch sie taten es. Oh!»

So gerad­linig, wie Isbell redet, sind seine Songs. Oft minimal instrumentiert, dann wieder mächtig los­rockend, erzählen sie von den Befindlichkeiten der Menschen in den Kleinstädten des US-Südens und dem brutalen Kontrast zwischen Wunsch und Realität.

Es sind keine fröhlichen Songs, die Isbell singt, doch Verzweiflung hört man kaum in ihnen. Eher den Willen zum Überleben in einem Umfeld, von dem man keine Geschenke erwarten darf und wo die Hoffnung, es dereinst besser zu machen als die Eltern, von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Im Song «Last of My Kind» singt Isbell aus der Optik eines Landeis, das in der grossen Stadt gestrandet ist und an beiden Orten nicht (mehr) zu Hause ist. «Daddy sagte immer, der Fluss werde mir den Weg nach Hause zeigen», lautet das Fazit des einsamen Sängers, «doch auch der Fluss kann die Zeit nicht anhalten.»

Country, Cobain, Clash

Mit «The Nashville Sound» (benannt nach dem noblen RCA-Studio im Country-Mekka, wo die Aufnahmen mit der Band The 400 Unit eingespielt wurden), empfiehlt sich Jason Isbell als Stimme einer neuen Generation der Country Music. Er kennt die Klassiker des Genres und weiss, wie man einen Countrysong «richtig» schreibt, ohne dabei die Emotionen zu verdrängen.

Doch Isbell wuchs auch mit The Clash und Kurt Cobain auf. Und er trägt ein Tattoo mit einer Songzeile aus Bob Dylans «Boots of Spanish Leather».

In jungen Jahren war Isbell Mitglied der Southern-Rock-Band Drive by Truckers, mit der er den Rock-’n’-Roll-Lifestyle buchstäblich bis zum Umfallen zelebrierte. Nach der Trennung der Band hat er bereits zwei viel beachtete Soloalben veröffentlicht. Doch diese waren noch stark geprägt von seiner massiven Alkoholsucht. Nur mit professioneller Hilfe konnte Isbell diese überwinden. Mittlerweile aber ist der Songwriter seit Jahren ausgenüchtert.

Thematisch konnte er der Sucht zunächst ­lange nicht aus dem Weg gehen. Auf dem Album «The Nashville Sound» ist das nun anders. In seinen neuen Songs fokussiert der junge Familienvater auf die Befindlichkeiten des «einfachen» Amerika, aus dem auch er kommt. Der 38-Jährige wuchs in Greenville, Alabama, auf, entfloh dem Landleben aber erfolgreich in Richtung Rock ’n’ Roll.

«The Nashville Sound» beschreibt das Glück von jungen Familien und die Angst, dieses bald wieder zu verlieren. Im Song «White Man’s World» singt Jason Isbell über die Hoffnungslosigkeit in einem immer noch segregierten Land und mahnt, den richtigen Zeitpunkt für den gesellschaftlichen Wechsel nicht zu verpassen.

Isbell kennt die Sorgen der kleinen Leute, doch einfache Lösungen kann und will er nicht ­bieten. Seine Botschaften sind weder moralisierend noch be­lehrend, er selber bleibt ein Zweifler. Das ist keine Musik für die flotten Gute-Laune-Morgenshows im Dudelfunk.

Hingabe als Voraussetzung

Die Liebe zum Detail macht es möglich, dass Isbells Songs so einfach tönen, wie sie es auf «The Nashville Sound» tun. Das bedingt auch totale emotionale Hingabe.

«Aufrichtigkeit ist ein grosses Wort für einen Songwriter», sagt Isbell. «Aber wenn mir eine ehrliche Songzeile gelungen ist, erfüllt mich das mit Dankbarkeit.»

Jason Isbell and the 400 Unit: «The Nashville Sound», Thirty Tigers Records.

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