Jodeln ohne Tracht und Verein

Jodeln wird jünger, frecher und urbaner. Diesen Trend haben nicht nur private Gesangslehrerinnen erkannt, sondern auch Kursanbieter wie die Migros. Eine Jodlerin ohne Tracht und bürgerliche Ansichten ist Margareta Sommer.

Die richtige Haltung ist wichtig beim Jodeln: Margareta Sommer turnt darum zu Beginn der Stunde Körper und Stimmbänder ein.

Die richtige Haltung ist wichtig beim Jodeln: Margareta Sommer turnt darum zu Beginn der Stunde Körper und Stimmbänder ein. Bild: Raphael Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich will jodeln lernen.» Das verkündete meine Schwägerin bei unserem letzten Treffen. «Ich jodle», erzählte eine ehemalige Arbeitskollegin kürzlich bei einem gemeinsamen Znacht. Jodeln? Beide Frauen entsprechen nicht dem Bild, das ich mir bis ­anhin von der typischen Jodlerin gemacht hatte und das etwa so aussah: Sie kommt aus einem bäuerlichen Umfeld, trägt Tracht, man trifft sie auch an Schwingfesten, und sie wählt wahrscheinlich eher die SVP als die SP.

Margareta Sommer jodelt in Jeans. Eine Tracht besitzt die 56-jährige Marketingassistentin und Fotografin nicht. Dafür Töff­klamotten. Ihre politische Einstellung beschreibt sie als «eher links von der Mitte mit einem Hauch Öko und einem Hauch Wirtschaft».

Sie wohnt nahe der Stadtgrenze. Immerhin eine meiner Klischeevorstellungen erfüllt sie: Sie ist eine Bauerntochter. Der Vater war im Jodlerklub. «Oft jodelte er aber einfach im Stall den Kühen etwas vor», erinnert sich Margareta Sommer. Das ­Jodeln begleitete sie also durch ihre Kindheit im Emmental. Im Teenageralter waren dann aber Volksmusik und Jodeln «sehr weit weg». Margareta Sommer hörte Rock und befasste sich mit zeit­genössischer Musik. Sie spielte Trompete. Jodeln? Kein Thema.

Der Entschluss

Bis vor drei Jahren. Eine befreundete Künstlerin erzählte ihr, dass sie jodle. Wenig später besuchte Margareta Sommer aus beruf­lichen Gründen einen Kurs in Stimmbildung. «Die Arbeit mit meiner Stimme hat mich fasziniert. Ich meldete mich zu einer Schnupperstunde Jodeln an.»

Nach diesem ersten Versuch war für Margareta Sommer klar: Sie wollte das Jodeln lernen. Seither nimmt sie vierzehntäglich in der Migros-Klubschule Einzelunterricht und besucht regelmässig Lektionen bei Barbara Gertsch-Enz.

Zu Beginn jeder Jodelstunde wird eingesungen. Wobei: Eigentlich gleichen die Übungen eher einem Einturnen. «Wir stretchen die Kehle», sagt Liselotte von Gunten, die in der Klubschule Jodellehrerin ist. Sie ist klein und zierlich. Aber was für eine Stimme! So jodelt der Profi. Man spürt den Klang förmlich im Raum. Und es ist, als ob eine Schwingung zurückbliebe. Jetzt ist auch klar, weshalb die Kursräume schallisoliert sind.

Damit es auch nur annähernd so klingt, muss der ganze Körper einbezogen werden. «Singen hat nichts mit dem Hals zu tun», betont die Lehrerin. Beide Füsse fest mit dem Boden verankert, «bödelet», aufrecht, stolz – so steht ein Jodler da und auch eine Jodlerin. «Komm, Margareta, blöff e chli!», sagt Liselotte von Gunten. Das heisst: Brust raus, sich grösser und breiter machen, als man ist. «Damit haben vor allem Frauen Mühe – aber anders tönt es einfach nicht.»

Die Überwindung

Margareta Sommer klopft mit den Fingerspitzen auf den Brustkasten, gähnt herzhaft, hebt und senkt die Schultern, lässt den Kopf kreisen, prustet. Zuerst denkt man: Ou, das wäre mir jetzt peinlich, das vor anderen zu machen. Und mit der Zeit: Es ist ­bestimmt lustig und befreiend, ab und zu seine Hemmungen zu vergessen, sich zu überwinden.

Nach und nach kommen nun erste Töne dazu. Lang gezogene Joooooooohs und Üüüüüüüs. Man müsse sich beim Jodeln trauen, den Mund aufzumachen, hat Margareta Sommer vor der Stunde erzählt. Das ist sicher nicht so einfach, wenn eine Zu­hörerin und ein Fotograf mit im Raum sitzen. Die Lehrerin ermutigt: «Du musst dir nur sagen: ‹I wott itz!›»

Allein vom Zuschauen wird einem warm. Jodeln ist Körperarbeit. Jodeln entspanne mehr als Yoga, sagen manche. Das tiefe und bewusste Atmen, die volle Konzentration aufs Hier und Jetzt, die Körperspannung. Das alles sieht anstrengend aus und gleichzeitig erfrischend.

Die Freude am Jodeln

«Jodeln macht mich zufrieden. Wenn mir etwas den Hals zuschnürt oder auf dem Herzen liegt, hilft mir das Jodeln, wieder durchatmen zu können», sagt Margareta Sommer. Bei Waldspaziergängen macht sie manchmal Gesangsübungen. Und im Hallenbad ihrer Überbauung jodelt es sich auch ganz gut. «Die Akustik stimmt dort», sagt sie und lacht.

Wenn mir etwas den Hals zuschnürt oder auf dem  Herzen liegt, hilft mir das Jodeln, wieder durchatmen zu können.Margareta Sommer

Einem Jodlerklub möchte Margareta Sommer nicht beitreten. Auch auf Wettbewerbe hat sie keine Lust. Sie singt aber an Workshops regelmässig und sehr gern mit anderen. «Wenn wir einen Tag lang an einem Stück arbeiten und es dann auf einmal aus all den vielen Stimmen ein Ganzes gibt – da bekomme ich manchmal Hühnerhaut.»

Der Hühnerhautmoment

Kann jede und jeder jodeln? Ja, sagt Liselotte von Gunten. «Natürlich gibt es Menschen, denen es leichterfällt. Aber lernen können es alle.» Der Jodelklang sei «so individuell wie ein Finger­abdruck».

Margareta Sommer tut sich zu Beginn der Lektion schwer. «Man merkt, dass du heute Angst vor den hohen Tönen hast», konstatiert die Lehrerin. Der Ton brauche «mehr Boden». Ihr Tipp: Wer hoch singen will, muss den Ton gedanklich im Boden verankern. Margareta Sommer hat heute den ­«Fyrabe-Jutz» ausgewählt. Ein Stück ohne Text, allein getragen vom Jodeln. Mit geröteten Wangen übt sie Passage um Passage. «Nicht so hastig. Man könnte meinen, du möchtest die Noten hinter dich bringen», mahnt die Lehrerin.

Viele Städterinnen und Städter wollen nicht in einem traditionellen ­Verein jodeln.Barbara Gertsch-Enz
Jodellehrerin

Plötzlich stimmt sie mit ein, singt die zweite Stimme. Und da ist er, der von Margareta Sommer erwähnte Hühnerhautmoment. Wie die beiden Frauen alles um sich herum zu vergessen scheinen, wie ihre Stimmen den Raum füllen. Schön klingt das.

Jodeln? Warum eigentlich nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 07:48 Uhr

Mehr Städter jodeln


Jodellehrerin Barbara Gertsch-Enz. Bild: zvg

Das Jodeln sei «jünger und frecher» geworden, sagt Barbara Gertsch-Enz. Sie ist Stimmbildnerin, Gesangslehrerin und Chorleiterin. In Mittelhäusern bietet sie auch Jodelkurse an. Das Interesse ist gross: Freie Plätze im Einsteigerkurs gibt es erst wieder im Januar 2018.

Auffallend viele Jüngere – 20- bis 30-Jährige – hätten in letzter Zeit jodeln lernen wollen, sagt Barbara Gertsch. «Ich mache die Erfahrung, dass mehr städtisch geprägte Menschen unter meinen Schülerinnen und Schülern sind.» Zwar habe das Jodeln schon vor ungefähr fünfzehn Jahren auch die Stadt erreicht, aber der Trend sei anhaltend.

Auch ohne Vorkenntnisse

Jodeln kann man mit oder ohne musikalische Vorkenntnisse lernen. Zu Barbara Gertsch kommen Personen, die bereits in einem Chor singen, solche mit einer klassischen Ausbildung oder solche, die noch nie gesungen haben. «Das Jodeln fällt ihnen manchmal fast leichter, weil sie weniger klare Vorstellungen von ihrer Stimme und dementsprechend weniger Hemmungen haben.»

Bei Barbara Gertsch üben auch Mitglieder von Jodelklubs, die ihre Technik verbessern wollen, oder solche, die im Verein bisher die Begleitstimme gesungen haben und nun noch die ­Jodeltechnik lernen möchten.

«Viele Städterinnen und Städter wollen nicht in einem traditionellen Verein jodeln», sagt die Stimmbildnerin. In diesem Fall sei es schwierig, regelmässig mit anderen singen und «dranbleiben» zu können. Für solche Jodelerinnen und Jodler bietet sie regelmässig Jodelmorgen oder -abende an. mm

Mehr Infos zu den Kursen unter www.stimmklang.ch.

Jodeln lernen

Jodeln lernen kann man in einem Verein, bei privaten Lehrerinnen und Lehrern und seit 2006 auch in der Migros-Klubschule. Man decke im Gesangsunterricht die wichtigsten Stilrichtungen ab. «Dazu gehört in der Schweiz selbstverständlich auch das Jodeln», sagt Andrea Bauer, Mediensprecherin bei Migros Aare. Jodelstunden sind beliebt: Nach den Sparten Pop/Rock/Jazz und Klassik werden sie am drittmeisten gebucht. Im Einzugsgebiet der Migros Aare besuchen jährlich circa 50 Personen regelmässig Einzel- oder Gruppenunterricht im Jodeln.

«Sicher hat der Swissness-Trend dazu beigetragen, dass die Nachfrage nach Jodelkursen gestiegen ist», sagt Bauer. Im Jahr 2012 hätten besonders viele Personen neu mit Jodeln angefangen – seither sei die Anzahl der Kurse auf etwa gleich hohem Niveau geblieben.

Jodeln sei in der ganzen deutschsprachigen Schweiz und auch in Städten wie Zürich buchbar und gefragt, sagt Bauer. Schweizer Tradition steckt auch in Klubschule-Kursen wie Alphorn oder Schwyzerörgeli spielen oder «Schweizerküche neu entdecken». mm

Artikel zum Thema

Wie die Mutter, so die Tochter

Jodeln ist in. Das spürt auch Daria Occhini. Die 16-Jährige aus Ins hat die Jodlerbegeisterung von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen, so wie viele andere junge Jodlerinnen und Jodler. Mehr...

Jodeln gegen das «Fremdfötzelige»

Das Jodeln gehört zur Schweiz wie die Milch zur Kuh. Wie wurde die Gesangstechnik zum Inbegriff des Nationalgefühls? Wissenswertes anlässlich des 30. Eidgenössischen Jodlerfests, das von Donnerstag bis Sonntag in Brig stattfindet. Mehr...

Jodeln im Zeichen von Unspunnen

St. Stephan Die Jungjodlergruppe Lenk-Matten-St. Stephan als Gastgeber war überwältigt: 300 Personen genossen die Darbietungen der 80 Mitwirkenden am sonntäglichen Brunch. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Blogs

Bern & so Fussball und Bier

Foodblog Auf einen Seitensprung

Service

Mitdiskutieren, teilen, gewinnen.

News für Ihre Timeline.

Die Welt in Bildern

Wandelnder Busch: Ein Model zeigt die Frühling Sommer Kollektion 2018 des chinesischen Designers Viviano Sue an der Fashionweek in Tokio. (19. Oktober 2017)
(Bild: EPA/FRANCK ROBICHON) Mehr...