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Jodeln gegen das «Fremdfötzelige»

Das Jodeln gehört zur Schweiz wie die Milch zur Kuh. Wie wurde die Gesangstechnik zum Inbegriff des Nationalgefühls? Wissenswertes anlässlich des 30. Eidgenössischen Jodlerfests, das von Donnerstag bis Sonntag in Brig stattfindet.

Heimatgefühle sind im Trend: Davon profitiert auch das Jodeln, das immer beliebter wird.
Heimatgefühle sind im Trend: Davon profitiert auch das Jodeln, das immer beliebter wird.
Swiss-Image/zvg

Jodel, Naturjutz und Zäuerli sind Inbegriff des helvetischen Nationalgefühls. Klingende Schweizer Heimat. Doch was viele nicht wissen: Der Schweizer Jodel ist bei uns vergleichsweise jung. Laut dem Musikhistoriker und Volksmusikdozent Dieter Ringli galt der Jodel in der Schweiz bis weit ins 20. Jahrhundert als typische Tiroler Musik.

Naturjutz nur regional

Der Tiroler Jodel, dieser professionelle, hochvirtuose Jodelgesang, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in gehobenen, städtischen Kreisen sehr beliebt und wurde in den europäischen und amerikanischen Konzertsälen, Salons und Variétés ­gesungen.

Im Muotatal, im Appenzellerland, im Toggenburg und im Berner Oberland gab es zwar den einheimischen Naturjutz oder Naturjodel, doch dieser von Bergbauern gesungene und geprägte Rufgesang war nicht weit verbreitet, regional beschränkt und weit davon entfernt, sich als nationale Gattung zu etablieren.

Erst mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbandes um 1910 wurde der «ächte, urchige Jodel» zur «urwüchsigen Schweizer Eigenart» erklärt. Dabei ging es in erster Linie darum, die «fremdfötzelige Tirolerei» zurückzudrängen und stattdessen den hiesigen Jodel zu fördern.

«Die ächten, urchigen Jodler von Berg und Tal müssen zusammenhalten und sich in jeder Beziehung fernhalten von der Variétésingerei. Wir wollen nicht etwa ein Kunstjodeln, sondern ein richtiges Naturjodeln», heisst es in der offiziellen Einladung zur Gründung der Jodlervereinigung Bern 1910.

Musik wird Politik

Um das auch in der Schweiz beliebte Tiroler Jodellied zu verdrängen, wurde vom Eidgenössischen Jodlerverband das Schweizer Jodellied geschaffen und mit Schweizer Gründlichkeit reglementiert. Es sollte aus zwei Teilen bestehen: einem Liedteil, der die Schweizer Heimat inhaltlich preisen und glorifizieren soll, sowie einem darauf folgenden Jodelteil, dessen Silben streng vorgeschrieben waren.

Das Schweizer Jodellied ist also nicht eine über die Jahrhunderte gewachsene und entwickelte heimische Volksmusik. Vielmehr eine vom damals jungen Jodlerverband bewusst konstruierte Form, zur Abwehr des Fremden und zur Schaffung von nationaler Identität.

Das straffe Regelwerk wurde dafür geschaffen, auch den Städtern den Zugang zum Jodel zu ermöglichen. Das Schweizer Jodellied wurde von den Verbandsoberen zur Schweizer Volkskultur erklärt. Ein patriotischer Akt und hochpolitischer Entscheid.

Jutz marginalisiert

Wir wissen heute nicht, inwiefern sich das ab 1910 entwickelte Schweizer Jodellied tatsächlich von der Tirolerei unterschied. Wir wissen aber, dass der urchige Naturjutz, der ursprünglich gefördert werden sollte, gerade vom neuen reglementierten Jodellied noch mehr marginalisiert wurde.

Die vom Verband vorgegebene Form wurde zur einzigen akzeptierten Art des Jodelns erklärt. Da passten die textlosen, freien und unstrukturierten Naturjodel der Bergbauern nicht hinein. Erst recht nicht in das Wettbewerbsregelwerk der Eidgenössischen Jodlerfeste.

Erst ab den 1990er-Jahren wurden die starren und verkrusteten Formen ein wenig aufgeweicht und der Jodel entideologisiert und entpolitisiert. Und gerade die aktuelle Verbandsspitze zeigt sich offen für Veränderungen – für eine offene und lebendige Volkskultur.

30. Eidgenössisches Jodlerfest: 22. bis 25. Juni, Brig. Infos und Programm: www.jodlerfest-brig.ch.

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