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«Ihr Publikum lebt auf dem Land»

Auf unserem Weg zum Redaktion Tamedia-Sommerhit haben wir uns mit einem erfolgreichen Produzenten getroffen. Roman Camenzind erklärt uns, dass Texte zwar fehlerhaft sein dürften, aber nie negativ.

Sie alle liessen Songs von Camenzind produzieren: Rapper Stress (hier an den Swiss Music Awards am 2. März 2010), ...
Sie alle liessen Songs von Camenzind produzieren: Rapper Stress (hier an den Swiss Music Awards am 2. März 2010), ...
Keystone
... Folklore-Hip-Hopper Bligg (während der Prix-Walo-Gala am 19. April 2009), ...
... Folklore-Hip-Hopper Bligg (während der Prix-Walo-Gala am 19. April 2009), ...
Keystone
... und Adrian Stern (während der Prix-Walo-Gala am 8. Mai 2011).
... und Adrian Stern (während der Prix-Walo-Gala am 8. Mai 2011).
Keystone
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Es gibt in der Schweiz nur wenige Produzenten, die mehr Erfahrungen mit Radiohits haben als Roman Camenzind. Die Liste der Künstler, die in den Studios des umtriebigen Zürcher Produzenten aufgenommen haben, liest sich analog zur Liste der Künstler, die in den letzten Jahren durch Schweizer Charts und Fernsehen stapften: Stress, Bligg, Baschi, Francine Jordi, Adrian Stern … Es sind noch mehr.

Es überrascht also nicht, säumen den Eingangsbereich der Studios im Zürcher Kreis 5, mit dem treffenden Namen Hitmill, zahlreiche Gold- und Platinalben. Auch im Gespräch im leicht unterkühlten, tageslichtfreien Hinterzimmer wird klar: Roman Camenzind kennt den Musikgeschmack der Schweizer sehr genau.

Herr Camenzind, auf was müssen wir achten, wenn wir einen Sommerhit schustern wollen?

In einem kleinen Land wie der Schweiz ist es wichtig, dass man in die Breite denkt. Und die liegt nun mal auf dem Land. In der Schweiz gibt es leider keinen Markt für Nischenprodukte. Wer in der Schweiz als Schweizer mit Musik Geld verdienen möchte, sollte sich an den internationalen Charts orientieren. Es bringt nichts, für eine eingefleischte Szene zu produzieren, die vielleicht 500 Leute umfasst. Mit Bligg haben wir den Wandel einst erfolgreich vollzogen: vom Underground-Rapper zum Künstler mit nationaler Bedeutung.

‹Die Breite liegt auf dem Land›. Gedacht haben wir das schon immer, aber jetzt liegts schriftlich vor uns. Unser Publikum lebt nicht in Bern, Basel oder Zürich, nein, es lebt in Stans, Rupperswil oder Thayngen. Bliggs Erfolg spricht Bände: mehr als 100'000 verkaufte Alben. Der Imagewandel sei übrigens Camenzinds Idee gewesen, sagt er später noch.

Worauf muss man beim Text achten?

Der Text spielt gar keine so grosse Rolle. Irgendwas mit Sommer, klar. Der Inhalt sollte auf jeden Fall positiv rüberkommen. Eine Textzeile etwa wie «I'm so tired» funktioniert selbst bei einer noch so eingängigen Melodie nicht. Stattdessen empfiehlt sich eine Parole: wie bei «Get Lucky». Etwas, das bleibt. Wobei man nicht zu viel Text in einen Song packen sollte. Lieber mit zusätzlichen Parolen arbeiten. Ebenso empfehlen sich Wiederholungen oder Aufzählungen, wie z. B. bei «Mambo No. 5». Dies hilft dabei, den Text zu memorisieren.

Dann darf ein Text sogar Fehler enthalten, solange er gut klingt?

Theoretisch dürfte man sich sogar den einen oder anderen Fehler erlauben, solange man nur den Schweizer Markt im Visier hat. So genau hört man hier nicht hin. Da gibt es leider etliche Beispiele. Man sollte aber als Songwriter schon so viel Berufsethos haben, dass man Texte schreibt, die grammatikalisch o. k. sind.

Diese Information ist wichtig für unsere beiden Autoren Zweifel und Schöpfer. DJ Bobo hat es bereits vorgemacht. Wir können auch mit Fehlern arbeiten.

Welche Songstrukturen empfehlen sich für einen Hit?

Der Song sollte nicht viel länger als dreieinhalb Minuten dauern. Und der Refrain sollte in den ersten 30 Sekunden zum ersten Mal auftreten. Der Refrain sollte übrigens derart eingängig sein, dass man ihn nach dem ersten Mal Hören schon mitsingen kann. Für die Strophe haben Sie da mehr Spielraum.

Etwas kristallisiert sich für unseren eigenen Hit heraus: Wir wollen einen Refrain für die Ewigkeit! Man muss ihn im Fussballstadion mitsingen können.

Wie kommen wir ohne Kreativität zur guten Melodie?

Analysieren Sie bestehende Songs, um zu verstehen, wie es andere machen. Hören Sie sich mehrmals durch Hits, erkennen Sie Strophe, Refrain eins, Refrain zwei. Schreiben Sie Texte ab. Auch wichtig: Wenn Sie in die Disco wollen mit Ihrem Song, wählen Sie ein Tempo um 128 Beats pro Minute, weil die DJs mit diesem Tempo arbeiten und so die nahtlosen Übergänge einfacher sind.

Welches Instrument sollten wir vermeiden?

Diesbezüglich ist man in den letzten Jahren immer freier geworden. Soll heissen: das Schräge hat sich etabliert. Sie können also ruhig etwas wagen. Zu stark polarisieren sollten Sie jedoch nicht. Denn: Sie müssen ja ein grosses Publikum erreichen mit Ihrem Song, damit er ein Hit werden kann. Ein starkes Contra-Lager wird den Erfolg und damit den Umsatz massiv schmälern.

Nach gut 50 Minuten verlasse ich die gekühlten Hitmill-Studios wieder. Mehr als zufrieden mit all den Informationen, die mir der Hitproduzent hat zukommen lassen. Ich glaube, wir sind bald bereit fürs Studio. Jetzt gehts aber erst mal daran, die alten Sommerhits durchzuhören. Lesen Sie unsere Erfahrungen damit morgen.

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