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«Ich erträume mir ganze Romane»

«No einisch amne Waldrand naa loufe, we’s schneit»: Das wünscht sich der schwer kranke Berner Troubadour und Mundartautor Fritz Widmer in seiner neuen, berührenden Gedichtsammlung. Ein Besuch im Spital.

Eigentlich wollte Fritz Widmer Strassenmusiker werden. Nicht etwa in jungen Jahren, sondern im August 2008. Man stelle sich das vor: Fritz Widmer, mit Gitarre und Troubadour-Liedgut im Gepäck, berieselt unter den Berner Lauben vorbeieilende Passanten. Die Leute wären scharenweise stehen geblieben. Doch genau das wollte er nicht. Es sollte sein eigenes «Kontrastprogramm» werden – Strassenmusik mit Mozart-Arien, notabene eigens ins Berndeutsche übersetzt. «O Meitschi, chum ändlech a ds Fänschter, la mi hie nid so schlottere» hätte er vielleicht gesungen, der Berner Don Giovanni. Ganz inkognito, in der Ostschweiz. Alles war geplant, sogar die Bewilligungen hatte er eingeholt. Doch dann erkrankte er an Krebs.

Gedichtmaschine erfinden

Jetzt liegt Fritz Widmer im Spital, ein Tumor drückt ihm auf die Lunge. «Gespräche sind in meinem Zustand eine willkommene Ablenkung», ermuntert er sein Gegenüber. Dass bei unserer Unterhaltung über seine aktuelle Prosa- und Gedichtsammlung «Wo geit das hi, wo me vergisst?» immer wieder all das Unabänderliche zur Sprache kommt, womit er zu leben gelernt hat, nimmt er gelassen. Das Schreiben, sein Leben, die Krankheit sind in den letzten zwei Jahren immer enger zusammengewachsen. Als er diese Mundarttexte verfasst habe, sei er – trotz Chemotherapie – sicher noch ein Optimist gewesen. «Das Schreiben hat mir viel Auftrieb gegeben.» Vielleicht hinterlassen deshalb viele der Gedichte eine so wunderbare Melancholie. Weil sie in ihrer Traurigkeit von einer tiefen Liebe zum Leben zeugen, mit all seinen Widrigkeiten.

Während der Chemotherapie litt Fritz Widmer unter Wahnvorstellungen, in der Nacht halluzinierte er. «Einmal habe ich geträumt, ein Freund von mir habe eine Gedichtmaschine erfunden.» Eine mit vielen Knöpfen und Hebeln, die, je nachdem, wo man drückte, verschiedene Verse ausspuckte. Der Freund konnte damit innert kürzester Zeit ganze Gedichte generieren. «Die Maschine hat einen Höllenlärm gemacht», erinnert sich Fritz Widmer. Trotzdem hat die Halluzination etwas Positives bewirkt: «Sie nahm mir die Hemmung, Gedichte zu schreiben.» Nach diesem Traum kam ihm täglich ein Text in den Sinn, «meistens schon vor dem Frühstück».

Nebenbei dichten

Zuvor hat sich der Berner nie als grossen Dichter betrachtet, «ich habe das eher nebenbei gemacht». Als Troubadour hat sich der Bauernsohn aus Kirchberg wegen seiner «Liedli» vor den anderen manchmal sogar geschämt – und war dann ziemlich erstaunt, als er in den Sechzigern von Kritikern und Publikum ernst genommen wurde. Auf die Zeit mit Mani Matter und den anderen Troubadours angesprochen, winkt er ab. «Das hat für mich sehr an Bedeutung verloren.» Er möchte auch nicht als «der Berner Troubadour mit den typischen Witzliedern» in Erinnerung bleiben.

Sollten sich die Leute an ihn erinnern, dann lieber an den «Bewusst-Unmodernen», der präzise und bildstarke Gedichte verfasst oder ins Berndeutsche übertragen hat. Wer seine berührende, trotz aller Klarsicht schwärmerische Gedichtsammlung gelesen hat, kann dem nur beipflichten.

Vor einem halben Jahr wurde Fritz Widmer ein Bein amputiert, «seither ist die Inspiration verschwunden». Dass sich stattdessen Phantomschmerzen eingenistet haben und der Rollstuhl zum neuen Begleiter wurde, trägt er mit Fassung. «Es ist mir nicht mehr wichtig, Bücher zu schreiben.» Mit seinen 72 Jahren muss er auch nicht mehr «dr Siech uf em Häfi» sein, wie früher, als man in nächtlichen Diskussionen die Welt neu ordnen wollte. «Was will ich mich mit all dem Negativen befassen?» Das Getragensein von der Familie, ein gutes Gespräch, ein gutes Essen, viele kleine, schöne Dinge machen ihn heute glücklicher.

Strassenmusiker werden

«Wissen Sie, ich träume jetzt wieder», sagt er unvermittelt, inzwischen etwas müde vom Morphium. In wunderbare Romane träume er sich hinein, etwa, wie er im Appenzellerland ein «Traumleben» führt.

Früher waren Tagträumereien nie Widmers Sache. Oft engagierte sich der zweifache Vater an mehreren Orten gleichzeitig, war Lehrer, Liedermacher, Kolumnist, Fährmann. Ausserdem sei er ein Perfektionist. Nicht was Ordnung oder das Gitarrespielen anbelangt. «Aber an den Texten habe ich bis ins letzte Detail gefeilt, wollte die Thematik stets gründlich erfassen», sagt er und schliesst die Augen. «Ja, ich bin schon jemand, der an sich arbeitet.» Und wie passt das zum romantischen Bild des relaxten Strassenmusikers? Fritz Widmer lächelt: «Tja, das wäre eben jetzt noch gekommen.»

Fritz Widmer: Wo geit das hi, wo me vergisst? Mundarttexte, Cosmos Verlag.

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