«Ich erhielt nie etwas für ein Butterbrot»

Freddy Burger übernimmt die Thunerseespiele. Wer ist dieser Selfmademan aus Schwamendingen? Eine Begegnung am Zürichberg.

Herr über 26 Firmen: Die neuste Erwerbung von Freddy Burger sind die Thunerseespiele. Hier posiert er in seinem Restaurant Sonnenberg.<p class='credit'>(Bild: Patrick Gutenberg / Ex-Press)</p>

Herr über 26 Firmen: Die neuste Erwerbung von Freddy Burger sind die Thunerseespiele. Hier posiert er in seinem Restaurant Sonnenberg.

(Bild: Patrick Gutenberg / Ex-Press)

Michael Feller@mikefelloni

Auf dem Sonnenberg über dem Zürichsee sieht man bei guter Sicht die Jungfrau. Nicht an diesem verregneten Herbsttag. Dennoch gibt einem nur schon der Blick über die Stadt und auf den See das Gefühl, privilegiert zu sein. Im Vordergrund flattert die Fifa-Flagge. Ihr Mast trotzt dem Sturm mitten im Rebberg am Zürichberg, dem Quartier der Vermögenden. Hier oben, neben dem Reich des Weltfussballverbands, betreibt FBM das Restaurant Sonnenberg.

FBM steht für Freddy Burger Management, das Restaurant ist eine von 25 Firmen der Gruppe. Nummer 26 hat FBM kürzlich gekauft. Die Thunerseespiele, 2019 wird die Firmengruppe in Thun die Verantwortung übernehmen. Fredy Burger ist der Branchenleader im Schweizer Musicalgeschäft mit besten Beziehungen zu den internationalen Rechteinhabern wie Walt Disney oder Really Useful Company. Wer ist der 71-jährige Mann hinter dem Imperium mit Theatern, Gastrobetrieben, Künstlervermittlung und Eventorganisationen?

«Ich bin ein waschechter Zürcher, ein Schwamendinger.» Freddy Burgers Gesicht hat sanfte Züge, trotz deren Burger bei Bedarf sehr bestimmt aufzutreten weiss. Das braucht es, um zu schaffen, was er geschafft hat. Neben der Beharrlichkeit. Und dem Motto dazu: «Never give up.»

Albtraum Hochbauzeichner

Das erste Mal nicht aufgegeben hat Burger in der Lehre als Hochbauzeichner. Da war alles schlecht, Burger musste sich durchbeissen. Er wollte etwas anderes machen, das war bald klar. «Bis 30 hatte ich Albträume, dass ich wieder als Hochbauzeichner arbeiten müsste», sagt Burger.

Seine erste Leidenschaft war das Eishockey, doch das Schicksal sah etwas anderes vor. Burger vertraut dem Schicksal. «Alles, was passiert, hat seinen Grund», ist er überzeugt. Mit 18 Jahren und 3 Monaten hatte er als Fahrschüler einen schweren Autounfall. Dieser beendete die Hockeykarriere nach einem Jahr Nationalliga B im ZSC, dem Zürcher Schlittschuhclub, jäh. Das war 1963. Er begann, Konzerte zu buchen. Zuerst als Vizepräsident des Jugendtanzclubs Zürich. So lernte er Les Sauterelles kennen und wurde ihr Manager.

Als 20-Jähriger veranstaltete Freddy Burger das erste Rockkonzert im Hallenstadion, Cliff Richards & The Shadows, und floppte: Er machte 20 000 Franken Verlust, nachdem er drei Monate lang eigenhändig im ganzen Land Plakate aufgehängt und zwei Paar Schuhe kaputt gelaufen hatte. Im Nachhinein musste es so sein. «Es war sehr heilsam für mich, eine Lebensschule», sagt er beim Mineralwasser an der Sonnenberg-Bar. Burger spricht von seiner Karriere, wie man von einer Tellerwäscherkarriere spricht: gern und in Anekdoten.

Sechs Jahre lang war er Teilhaber von Good News und organisierte mit André Béchir und Peter Zumsteg bis 220 Konzerte pro Jahr. Die Rolling Stones im Hallenstadion. «Ich gehörte zu den Beatles-Fans.» All you need is love. «Liebe, Lust und Leidenschaft», diese Dreifaltigkeit ist ein weiteres Motto für den Geschäftsmann. Wenn er etwas macht, dann mit Herz.

Doch dann wurde es ihm, der nebenbei noch weitere Firmen führte, zu viel, «die Rockkonzerte waren zu stressig». Anfang 30 hatte er zwei Nervenzusammenbrüche. Als jüngster Teilnehmer diskutierte der 32-Jährige 1978 im «Zischtigsclub» über das Phänomen Midlife-Crisis. Er musste etwas ändern. Good News wurde an den Medienkonzern Ringier verkauft, Burger stieg aus – und akzeptierte ein Konkurrenzverbot über zehn Jahre. Statt Konzerte zu veranstalten, wurde er Manager von Udo Jürgens.

Aus der Geschäftsbeziehung entstand eine Partnerschaft, die bis zum Tod des Künstlers 2014 hielt. Die beiden wurden beste Freunde, gingen zusammen in die Ferien. «Es war wie eine Ehe. Ich war die Frau, die dem Mann den Rücken freihielt, damit dieser im Rampenlicht glänzen kann.» Mit Udo Jürgens schaffte er ein Bild für die Ewigkeit, als der Musiker 1983 auf dem Jungfraugletscher auf einem Glasflügel spielte. Nicht nur wegen dieses Erlebnisses fühlt sich Freddy Burger dem Berner Oberland verbunden. Er führte jahrelang den Club im Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken und war oft in der Gegend. Dass nun betont wird, ein Zürcher übernehme die Thunerseespiele, stört ihn. Aber natürlich weiss er um den Anti-Zürich-Reflex in der Restschweiz.

«Kriegt er denn nie genug?»

Brancheninsider zeigen sich überrascht, dass Freddy Burger sich nun auch noch die Thunerseespiele gekauft hat. «Kriegt der Freddy denn nie genug», heisst es hinter vorgehaltener Hand. Bei Burger verhärten sich die Gesichtszüge, wenn er das hört. «Es geht doch nicht um mich.» Wenn er neue Deals aufgleise, tue er es für das Fortbestehen seiner Firmengruppe. «230 Mitarbeiter erhalten jeden Monat ihren Lohn.»

In Thun ging es beim Verkauf um die Zukunft der Thunerseespiele. Denn der Event ist ein jährlicher Kampf um die schwarze Null. Das Open-Air-Musical ist ein Risikogeschäft mit dem unberechenbaren Faktor Wetter. Das weiss Burger zu genau. 2013 war «Aida» auf dem Pfäffikersee, bei der er mitbeteiligt war, ein Verlustgeschäft. «Wenn du den Break-even nicht schaffst, multipliziert sich der Verlust mit jedem Abend», sagt er. Mit dem Engagement am Thunersee geht er ein Risiko ein. Das betont er, wenn es heisst, er habe das Musical für ein Butterbrot erworben. «Ich habe in meinem Leben nie etwas für ein Butterbrot erhalten», sagt der Selfmademan.

«Uns war die langfristige Weiterführung der Thunerseespiele in der heutigen Qualität oberstes Verhandlungsziel», sagt Elsbeth Jungi Stucki, die Witwe des 2012 verstorbenen Thunerseespiele-Gründers Andreas Stucki. Sie hat Freddy Burger die Firma verkauft. Im April setzten sich Burger und Seespiele-Geschäftsführer Stephan Zuppinger erstmals zusammen. Ende August war der Deal unterschrieben. «So schnell habe ich nie zuvor eine Firma ­gekauft», sagt Burger.

Andere potenzielle Interessenten hat Thun nicht kontaktiert. «FBM war unser Wunschpartner», sagt Elsbeth Jungi Stucki. Weil Burger das grösste Know-how hat. Und Beharrlichkeit. Mit Walt Disney hat er fünf Jahre um «Lion King» verhandelt. Aufgeben gibt es nicht. Kürzertreten schon. Burger zieht sich langsam aus dem operativen Geschäft zurück. Er will nächstes Jahr wieder mit seiner Frau zwei Monate in seinem Haus in Portugal verbringen.

Sorgenkind Catering

Und jetzt? «Wir müssen nicht alles neu machen. Die Thunerseespiele sind perfekt organisiert», sagt Burger. Ein Sorgenkind und ein Verlustgeschäft war in den letzten Jahren das Catering – wegen der fehlenden Pause. Die Pause fehlt wegen Lärmklagen in der Vergangenheit: Seeanstösser von der anderen Seeseite haben durchgesetzt, dass um 22 Uhr wieder Ruhe herrscht. Mit ihnen will Burger das Gespräch suchen. «Es kann doch nicht sein, dass zwei, drei Personen eine gute Sache verhindern», sagt er, der mit seiner Frau in Küsnacht am Zürichsee lebt. Ihm liege aber viel an einer einvernehmlichen Lösung.

Freddy Burgers Blick schweift über den See. «Hier gibt es nirgends einen Ort, an dem man ein Freilichtmusical aufführen könnte.» Seit er 2003 bei den ersten Thunerseespielen die Kulisse mit Eiger, Mönch und Jungfrau gesehen hat, weiss er aber sowieso: «Der Standort Thunersee lässt sich nicht toppen. Da können alle anderen einpacken.»

Berner Zeitung

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