Himmels-Trip mit Rachel Harnisch

Sieben Sätze – und sieben Türme: Das Berner Symphonieorchester verbindet das Requiem von Brahms mit einer Uraufführung. Sopranistin Rachel Harnisch überstrahlt einen Konzertabend voller Hintersinn.

Kunstvolle Innerlichkeit: Sopranistin Rachel Harnisch.

Kunstvolle Innerlichkeit: Sopranistin Rachel Harnisch.

(Bild: zvg/René Ruis)

Oliver Meier@mei_oliver

«Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden»: Gleich zu Beginn des Requiems erscheinen sie, die Worte aus dem Matthäusevangelium – als Motto, das die Botschaft vorwegnimmt: Brahms hat sein berühmtes Requiem nicht als Totenmesse komponiert, die mit «ewiger Verdammnis» droht. Die Musik gilt den Lebenden, «die da Leid tragen», weil sie sich der Vergänglichkeit bewusst sind. Trost und Tristesse – beides findet sich in diesem Werk. Das bedrückend Irdische trifft auf das himmlisch Entrückte. Und was davon mehr Gewicht erhält, ist eine Frage der Interpretation. Aber auch eine Frage der Besetzung.

Konventionell, aber stimmig

Mario Venzago hat den Komponisten Brahms immer wieder von jener Herbstschwere befreit, die ihm traditionell unterstellt worden ist. Das kam in Bern zuletzt den Sinfonien zugute. Der Chefdirigent hat ihnen Flexibilität und Geschmeidigkeit verliehen, ohne dabei als Interpret neue Türen aufzustossen. Das gilt im Wesentlichen auch für das Brahms-Requiem, das er gestern erstmals mit dem Berner Symphonieorchester bot.

Venzagos Zugang bestach durch Behutsamkeit und lichte Klarheit. Der vibratoarme Klang schärfte die musikalischen Linien und machte die reiche Harmonik fassbar. Dass kein Berner Chor zum Zug kam, mögen notorische Lokalpatrioten beargwöhnen. Künstlerisch war der Entscheid für das Profiensemble Corund aber goldrichtig. Statt pathetisches Chorgedonner gab es gestalterische Feinheiten zu bestaunen – selbst im dramatischen sechsten Teil, der an das «Dies Irae» der katholischen Messe erinnert.

Geheimnisvolle Klangräume

Der Schrecken indes verflüchtigte sich. Mehr Trost als Tristesse gab es gestern – und viel schlichte Feierlichkeit. Das Solistenduo Rachel Harnisch und Andrè Schuen fügte sich gut ein, auch wenn manches noch dezenter hätte ausgestaltet werden können. Harnisch indes schwebte mit ihrem stoisch geführten Sopran geradezu im Klanghimmel.

Sieben Sätze zählt das Requiem, eine symmetrisch angelegte Klangarchitektur, die im Auftaktwerk des Abends ihre Entsprechung fand. Der erste Teil aus dem Zyklus «Seven Towers» von Cécile Marti wirkte wie ein Gang durch die bald grellen, bald geheimnisvollen Räume eines Luftschlosses – jenseits von Trost und Tristesse.

Weitere Aufführung: Heute Freitag, 2.10., 19.30 Uhr, Kultur-Casino.

Berner Zeitung

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