Gute Vorbilder

Hip-Hop

«Los mir zue, wenn i nid mit dir rede!»: Eine junge Berner Rap-Formation mit Punkattitüde stiehlt internationalen Stars gerade die Show. Jetzt veröffentlichen S.O.S. gleich zwei Debütalben aufs Mal.

Bekommen unendlich viel Liebe: Dawill (links) und Nativ von der Berner Rap-Gruppe S.O.S. haben ihr Publikum komplett unter Kontrolle, wie hier am Open Air Frauenfeld im Juli.

Bekommen unendlich viel Liebe: Dawill (links) und Nativ von der Berner Rap-Gruppe S.O.S. haben ihr Publikum komplett unter Kontrolle, wie hier am Open Air Frauenfeld im Juli.

(Bild: Jojo)

Vor zwei Jahren hat sie kaum jemand gekannt. Letztes Wochenende haben sie am Royal Arena Festival in Orpund internationalen Hip-Hop-Stars wie French Montana und Cypress Hill die Show gestohlen. Keine 30 Sekunden nachdem die Rapper Nativ und Dawill die Festivalbühne betreten hatten, fand sich ein beachtlicher Teil der 8500 jungen Festivalbesucher in einem gigantischen Moshpit, einem wilden Kreis aus tanzenden Leuten, wieder. Wer sich nicht Pogo tanzend ins Getümmel stürzte, rappte mit: «Los mir zue, wenn i nid mit dir rede!» Es sind Szenen, die sich in kleinerem Ausmass seit einigen Monaten an jeder Show der Berner Rapgruppe S.O.S. ab­spielen und in bester Art und Weise an die Blütezeit der Punkbewegung erinnern.

Und ja, die Attitüde von S.O.S. ist Punk! Punk mit der visuellen und akustischen Ästhetik von Hip-Hop.

Punks mit Lacoste-Caps

Mit dem Punkvergleich kann S.O.S.-Produzent Questbeatz durchaus leben. Der 29-Jährige sagt: «Vielleicht tragen die Punks von heute einfach nicht mehr Doc-Martens-Schuhe, sondern Lacoste-Caps.» Und Rapper Dawill geht mit ihm einig: «Ich höre aus den iPods vor der Reitschule tatsächlich öfter Trap als Gitarrensound.»

So versteht es sich von selbst, dass die Texte der Berner Gruppe genauso von willkürlicher Staatsgewalt, den Schwierigkeiten junger Menschen mit Migrationshintergrund und dem Partymachen handeln. Natürlich passen Nativs Mittelfinger-Selfie mit dem französischen Ex-Premier François Hollande oder die Probleme mit der USA-Aufenthaltsbewilligung nach seinem Gewinn des Berner Atelierstipendiums zum Bild der jungen Revoluzzer.

Der Mann fürs Grobe

Das allerdings sind Geschichten, die man nicht mehr ausschlachten muss. Die Gegenwart ist spannend genug. Morgen Freitag erscheinen auf einen Schlag – unabhängig von etablierten Musikfirmen – gleich zwei Alben der Crew. Beide musikalisch modern und doch klassisch gehalten und durchwegs von Questbeatz produziert. «Imani» und «Akim» heissen die Alben, benannt nach Kindern, die vor kurzem im Umfeld der Gruppe auf die Welt gekommen sind. «Die Platten haben Seele, deshalb hätten wir ihnen nicht einfach erdachte Namen geben können», sagt Dawill.

Es sind genau diese unvorhersehbaren Gedankengänge, die den 25-jährigen Rapper aus­machen. Kollege Nativ (23) sieht Dawill als Poeten. Als einen, der in einer einzigen Zeile eine Geschichte auf mehreren Ebenen erzählen kann. Sich selbst hingegen sieht Nativ eher als Mann fürs Grobe. Eine Einschätzung, die Dawill bestätigt: «Er hat Ausstrahlung und Präsenz. Wenn er auf der Bühne steht, hat er das Publikum komplett unter Kon­trolle.»

Die immense und stetig wachsende Fangemeinde von S.O.S. erklärt sich Nativ mit Authentizität: «Die Kids merken einfach, dass sich unsere Musik einfach genau so anhört, wie wir tatsächlich sind.» S.O.S. seien mit ihrer Art in allerhand Situationen Vorbilder. Mal gute, mal schlechte. «Die Kids haben einfach gemerkt, dass wir uns fürs Gute einsetzen», sagt Nativ.S.O.S.:«Imani» und «Akim», www.hrdrec.ch.

Berner Zeitung

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