Gross der Schmerz, grösser die Erkenntnis

Sinplus sind wie Minnesänger: Sie warben vergeblich um Liebe. Auch dieses Jahr zeigte die fette fiese Eurovision-Matrone der Schweiz die kalte Schulter. Das tut uns nur gut.

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Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Der Minnesänger ist eine literarische Erscheinung des Mittelalters, er zeichnet sich durch sein lyrisches Pathos und ein sehr bitteres Schicksal aus: Die umworbene «edle frouwe» will rein gar nichts von ihm wissen, von Anfang an ist ihm die Ablehnung der Angebeteten gewiss. Nach jeder Liebeswerbung zieht er sich betrübt zurück.

Die Schweizer Teilnehmer am Eurovision Song Contest sind samt und sonders Minnesänger. Frohen Mutes treten sie an, mit Leib und Seele geben sie sich ihrem brünstigen Preisgesang hin, zerknirscht und verschmäht kehren sie heim. «Gên wir schouwen ritterlîche vrouwen», heisst es erst wie einst bei Hartmann, schliesslich der grosser Jammer wie beim Aargauer Sänger Hesso von Reinach: «Hey minnen spil, durch dich lîde ich sendes kumbers alze vil.»

«You can doooo it»

Sinplus dieses Jahr also. Sie warben mit «Unbreakable», einem flotten «Killers»-Verschnitt, um die Gunst der Eurovision-Matrone. Diese liess vor der Glotze ihre Verehrer vorbeiziehen, mampfte Chips und sonderte fiese Kommentare ab, den fetten Hintern tief versenkt im weichen Sofa.

«You can doooo it», säuselten ihr die Tessiner Barden ins Ohr. Sie solle gegen den Strom schwimmen und ihre wildesten Träume ausleben, und ja, der Sex wäre dann natürlich auch toll – «you can give me more» et cetera. Das Bemühen war unverkennbar.

«Zero Points» und ein kurzer Moment des Innehaltens

Natürlich wurde es auch dieses Jahr nichts. Doch genau genommen geht es im Eurovision-Minnesang für die Schweiz gar nicht um den Gewinn der Liebe – sondern um das Wachsen an der Niederlage. Genau gleich wie beim mittelalterlichen Minnesänger, der durch die anstrengende Werbung und die anschliessende Reflexion des Scheiterns seine Persönlichkeit ausbildete.

Wenn es also auch nächstes Jahr wieder heisst: «Adios im Halbfinale» oder «Switzerland: Zero Points!» – ja, dann sollten wir kurz in uns gehen und uns fragen: Warum mögen uns die anderen eigentlich nicht? Könnte das auch an uns liegen? Sind wir auch in der Krise «unbreakable», sind wir tatsächlich so toll? Bilden wir uns was ein? Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik? Wie viel Heimat brauchen Sie?

Und plötzlich ist der Weg vom Minnesang über Sinplus zu Max Frisch ganz kurz.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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