Grönemeyer gab in Zürich ein grosses Konzert

Der deutsche Musiker zeigte, was er kann. Zum Beispiel, wie er allein am Klavier mit drei Zeilen das Hallenstadion zum Schweigen bringt.

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Christoph Fellmann@tagesanzeiger

Mensch bleibt Mensch, haben wir von Herbert Grönemeyer gelernt, und also voller Widersprüche. Zum Beispiel er. Sein Gesang klingt wie das Bellen von Parolen, dabei handelt er von Menschenfreundlichkeit. Grönemeyer sitzt allein am Klavier und bringt mit zwei, drei Zeilen das Hallenstadion zum Schweigen, und doch lässt er fast ein ganzes Konzert lang seine grosse Band einen massigen Rocksound spielen.

Er schreibt Songs wie «Fang mich an», über deren Titel man noch nachdenkt, während einem die Melodie bereits auf die Nerven geht. Und er paukt auch an diesem Abend glaubhaft sein politisches, sein religions- und wirtschaftskritisches Repertoire – und merkt nicht, welch anmassender Kitsch ihm mit «Roter Mond» unterläuft, einem Lied, in dem er sich in ein afrikanisches Flüchtlingsboot versetzt («Kein fester Boden / Ich schwanke / Alles gedämpft und blass / Dass die Träume sich ballen / Um sinnlos zu zerfallen»).

Ovationen der Fans

Aber so ist er nun mal, der Mensch Grönemeyer, homo ungelenks, einzig und unauswechselbar in diesem Popgeschäft. Unelegant und brachial in seinem Umgang zum Beispiel mit elektronischen Klängen; stur in seiner Begeisterung für Rockgitarren mit Doppelkinn; auf alle Zeiten treu den Saxofonsoli, wie sie schon in den Achtzigerjahren durch seine ersten erfolgreichen Platten föhnten.

59 Jahre alt ist er mittlerweile, etwas mühsam, aber ungebrochen sympathisch, da er sein neues Album durch die Hallen des deutschsprachigen Europa trägt. «Dauernd jetzt» heisst es in etwas forcierter, aber beileibe nicht dummer Widersprüchlichkeit. Die Ovationen der Fans sind ihm sicher, scheinen aber doch viel weniger abgekartet als bei anderen Stars seiner Grössenordnung. Es ist bei ihm tatsächlich, als müsse er sein Publikum jeden Abend aufs Neue überzeugen und begeistern. Ein Kind des Ruhrpotts halt, mit Schlagwetterstimme und Gewohnheitsrock, aber allen richtigen Tugenden.

Singen und Tanzen

Und gerade wenn man – wieder einmal – denkt, der Mann lebe karrieremässig über seine Verhältnisse, dann kommt dieser Moment, da er vorne am Bühnensteg und also mitten im Publikum am Klavier sitzt und nacheinander drei doch einigermassen erschütternde Balladen spielt. «Flugzeuge im Bauch» und «Der Weg» – klar, die kennt man, es sind zwei seiner grössten Songs und Hits. Dann aber auch «Neuer Tag», ein Song von der neuen Platte, der von einem «klaren Schwarz» handelt, das nicht mehr loszuwerden ist. Und wenn das Lied sentimental ist (wofür es Anhaltspunkte gibt), dann hält das seine Performance problemlos aus, so, wie Grönemeyer es senkrecht in den Saal wuchtet.

Und siehe da: Herbert Grönemeyer ist ein Pianomann, der den Rocker noch nicht abgeschüttelt hat. Er ist ein Crooner, obwohl er nicht singen kann. Aber er will mehr sein. Nämlich auch ein Tänzer, obwohl er, wie jeder weiss, nicht tanzen kann. Und so bleibt Grönemeyer der Grönemeyer, der er ist. Der grossartigste Irrtum der deutschen Popgeschichte.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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