Götterdämmerung

Ein kurzes, intensives Konzert. Ein dickes, prall gefülltes Buch zu 30 Jahren Geschichte. The Young Gods zeigten in der ausverkauften Dampfzentrale, dass sie zu Recht eine stolze Band sind.

Altgedienter Young God: Frontmann Franz Treichler performt.

Altgedienter Young God: Frontmann Franz Treichler performt. Bild: Iris Andermatt

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«Did you miss me?», fragt Franz Treichler in der Zugabe des kurzen, aber intensiven Konzerts in der ausverkauften Dampfzentrale. Die Frage ist rhetorisch. The Young Gods, Treichlers stil­bildendes Industrial-Rock-Trio, machen sich heute so rar, dass jedes Lebenszeichen ein echtes Ereignis für die immer noch statt­liche Fangemeinde ist.

«Did You Miss Me?» war auch die erste musika­lische Visitenkarte der Young Gods, erschienen auf dem unbetitelten Debütalbum der Band, vor exakt 30 Jahren. Was die Band aus Freiburg aus der flott vor sich hin stampfenden Vorlage des Glamrockers Gary Glitter machte, war phänomenal: Zu zeitlupenmässigen, streichmusikartigen Samples sang Treichler mit eindringlicher Stimme den Blues des postindustriellen Zeitalters.

Eine Rückkehr

Den ganz grossen Durchbruch schafften The Young Gods in ihrer erstaunlichen Karriere dann doch nicht, trotz Konzerten in ganz Europa und den USA, trotz prominenten Fans wie David Bowie oder Kurt Cobain. Zu kompromisslos ist ihre Musik, und am Schluss ist diese Band immer wieder in den «Underground» zurückgekehrt, dorthin, wo sie ihre Wurzeln hat. Dafür sind die Young Gods immer noch da, und sie bleiben nach wie vor relevant.

Das Konzert in der Dampfzentrale wird umrahmt von aktuel­leren Young-Gods-Sounds: Die Beats sind federnder geworden, die Musik organischer, psyche­delischer auch. Franz Treichler spielt auch Gitarre, am Schluss des regulären Konzerts gar eine Bluesharp, die tönt wie diejenige in «Spiel mir das Lied vom Tod». In der Mitte des Sets hämmern dann im Lichtgewitter die steinharten Beats von Schlagzeuger Bernard Trontin.

Eine Bibel

Franz Treichler schlängelt sich um sein Mikrofon wie um einen prähistorischen Kultstab und formt mit den Händen abstrakte Skulpturen. Dazwischen krachen schroffe Gitarrenriffs aus dem Sampler von Cesare Pizzi, wie einst in den Achtzigern.

Mit ihrem Konzert gratulieren die Young Gods der Dampfzentrale zum 30. Geburtstag. Sie taufen aber auch ein neues Buch, das die Bandgeschichte von 1985 bis 2015 dokumentiert. Mit 800 Seiten dürfte es zur Bandbibel werden. Mehr als 2000 Fotos, Konzertplakate, Zeitungsausschnitte und weiteres Insidermaterial ­dokumentieren den langen Weg der Band, die es von Westschweizer Clubs schnell zu internationaler Anerkennung brachte und zum Archetypus eines unbeirr­baren, eigenständigen Independent-Acts wurde. In einem ausführlichen Interview (französisch/englisch) gibt Treichler Einblicke in die Arbeitsweise und Befindlichkeiten der Young Gods.

Ein Sonderfall

The Young Gods sind eine stolze Band. Das hört und sieht man. Das Selbstbewusstsein, die Unbeirrbarkeit macht sie zu einem Sonderfall in der Schweizer Musikszene. Dass sie auch Grund hat, stolz zu sein, machte die Band in der Dampfzentrale ohne Brimborium, aber nachdrücklich klar.

Buch: The Young Gods – Documents 1985–2015, Edition La Baconnière, 800 Seiten, 58 Franken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.09.2017, 18:35 Uhr

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