Gegen Krieg und gegen Achtlosigkeit

Standing Ovations für Patricia Kopatchinskaja und die Camerata Bern: «Krieg & Chips» im Kursaal Bern war kühn durchkomponiert.

Patricia Kopatchinskaja bei einem Auftritt mit dem Mahler Kammerorchester im Sommer 2017.

Patricia Kopatchinskaja bei einem Auftritt mit dem Mahler Kammerorchester im Sommer 2017.

(Bild: PD/Priska Ketterer)

«Ich muss jetzt aufräumen», sagt der Mann mit Bierbauch und legt sein Chipspäckli zur Seite. Mühsam schält er sich aus dem weichen Sofa, greift einen Besen und beginnt in aller Ruhe zwischen den Füssen der Orchestermitglieder zu fegen. Kaum etwas kann ihn aus seiner behaglichen Trägheit holen. Auch nicht die Bilder von endlosen Häuserruinen im fernen Syrien, die am Freitagabend über seinen Bildschirm und über die grosse Leinwand im Kursaal Bern flimmern.

Das Publikum im fast voll besetzten Saal schenkt dem von Grammy-Gewinnerin Patricia Kopatchinskaja ergreifend gespielten Adagio aus Mozarts letztem Violinkonzert mehr Aufmerksamkeit als den sich wiederholenden Kriegsbildern.

Filigrane Verzierungen

Kopatchinskaja, die designierte künstlerische Leiterin der Camerata, macht dann deutlich, dass auch Mozarts Musik voller Brüche und Abgründe ist. Unterstützt von der souveränen ­Camerata versetzt die mit überbordender musikalischer Improvisationslust begnadete Solistin das Violinkonzert mit schrägen und fahlen Tönen, filigranen Verzierungen, lustvoll ausgeführten Attacken und balkaneskem Schwung.

Der weit verbreiteten Achtlosigkeit auch gegenüber alltäglicher Schreckensmeldungen sagt sie mit «Krieg & Chips» den Kampf an. Gleich zu Beginn geben Kopatchinskaja und die Camerata Bern mit John Cages «Living Room Music» ein vielsagendes Statement ab. Der Bewohner des gemütlichen Wohnzimmers, das vor dem Podium mitsamt Stubenlampe installiert ist, soll mit rhythmisierten Schlägen von Kochlöffeln auf Pfannenböden aus seiner Abgestumpftheit gerissen werden.

Vehementer dann die Fortsetzung mit der «Battalia» des Barockkomponisten Heinrich Ignaz Franz Biber und Auszügen aus George Crumbs Vietnam-Mahnmal «Black Angels». Verblüffend, wie die Wechsel zwischen der programmatischen Schlachtfeldmusik und dem elektrisch verstärkten Aufschrei Crumbs sich organisch ineinanderfügen.

Aufrüttelnde Musik findet demnach immer zueinander, wenn man sie gekonnt verbindet. Logisch auch, dass auf den musikalischen Kriegslärm Arthur Honeggers zweite Sinfonie folgt, eine zu Musik gewordene Wehklage, die nur am Schluss etwas Zuversicht zulässt.

Lüpfige Ländler

Und der Mann mit Bierbauch? Der kaut immer noch seine Chips. Auch der lüpfige Ländler kann ihm nichts anhaben. Dafür leitet er perfekt ins Violinkonzert über.

Mozart hätte seinen Spass an dieser überraschenden Einleitung gehabt. Das begeisterte ­Publikum im Kursaal hatte ihn ­definitiv.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt