Geblasene Wiegenlieder

Brassband Traktorkestar ist weitherum die mitreissendste Blaskapelle. Auf dem vierten Studioalbum wendet sie sich vom Balkanbrass ab und führt die Demokratie ein.

Bläser, die laute und leise Töne beherrschen: Die Brassband Traktorkestar trompetet und posaunt sanfter als auch schon.

Bläser, die laute und leise Töne beherrschen: Die Brassband Traktorkestar trompetet und posaunt sanfter als auch schon. Bild: zvg

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In zwei Sätzen ist alles gesagt. «Nid aus, wo eifach isch, isch guet. Aber wenns guet isch, isch aus so eifach», singt Simon Jäggi im Stück «Richtig Süd» auf dem neuen Studioalbum von Traktorkestar. Das Album trägt den Namen «Deafening Lullabies», was auf deutsch «ohrenbetäubende Wiegenlieder» heisst.

Und so startet das «Intro» verheissungsvoll mit einem durchdrehenden Mixer, bevor die doch etwas harmonischeren Bläser ins Spiel kommen. Traktorkestar emanzipiert sich auf «Deafening Lullabies» fast ganz von dem Balkanbrass, mit dem es gross geworden ist. Nur einzelne Stücke wie «Triple», auf dem es ein grossartiges Trommelsolo von Samuel Zingg gibt, sind noch hauptsächlich den östlichen Rhythmen verschrieben.

Mit Trompete und Posaune

Aus den einstigen Jazzschülern sind mittlerweile gestandene Musiker geworden. Und es fällt nicht schwer, sich das eine oder andere der zwölf Bandmitglieder als fürsorglichen Vater vorzustellen, der dem Baby ein leises Wiegenlied singt. Oder in dem Falle eher sanft bläst. Denn ohrenbetäubend sind die meisten der 13 Stücke nämlich nicht.

Zum trägen Stück «Smoke» mit einem melancholischen Solo von Balthasar Streit auf der Trompete würde das Kleine wohl sogar einschlafen. Und wer Kinder hat, weiss, dass das als Kompliment aufzufassen ist. Dann gibt es durchaus Treibenderes wie «Bouffe ton Sucre» mit einem ­Solo von Stefan Hodel auf der Posaune, das man besser von der Kinderwiege fernhält.

Die Gruppe im Zentrum

Die Freude am Spielen und Tüfteln ist glücklicherweise auch auf dem vierten Studioalbum geblieben. Und erstmals steuerten nicht nur die üblichen zwei, drei Bandmitglieder Stücke bei, sondern gleich acht der zwölf Musiker übernahmen die Kompositionen. So ist auf demokratischem Weg ein abwechslungsreiches ­Album entstanden, ein Album, so könnte man sagen, das den Blasinstrumenten huldigt und die Gruppe ins Zentrum rückt.

Bitterschönes Liebeslied

Das reicht heutzutage natürlich nicht für ein Album. Und die Orchestermitglieder wissen das. Auf ihren Studiowerken arbeiten sie regelmässig mit anderen Musikern zusammen. Sei das Rapperin Steff la Cheff, Volksmusiker Thomas Aeschbacher oder Mundartsänger Schmidi Schmidhauser. So hat die Brassband auch diesmal mit Sängern zusammengespannt.

Quelle: Youtube.com/Traktorkestar

Und dabei gleich zwei der interessantesten Stimmen aus dem Mittelland verpflichtet. Zum einen Claire Huguenin, die Freiburger Indiepop-Sängerin mit der dunklen Stimme, die schon auf dem letzten Album mit dabei war. Sie verleiht dem Stück «So Low» etwas Geheimnisvolles. Zum anderen Simon Jäggi, Frontmann der Kummerbuben. In «Richtig Süd» besingt er mit seiner rauen Stimme die Freundschaft. Und «Lost Boy & Suicide Girl» ist eine kleine Perle, ein bitterschönes berndeutsches Liebeslied mit grossem Potenzial für die «Repeat»-Taste.

Alles richtig gemacht also. Oder, um es mit Simon Jäggi zu halten: «Nid aus, wo eifach isch, isch guet. Aber wenns guet isch, isch aus so eifach.»


Traktorkestar:«Deafening Lullabies», Irascible Music. Konzerte:10.12., Le Singe, Biel, 16.12., Dachstock Bern, 28.12., Mokka Thun.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2016, 11:30 Uhr

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