Ganz schön beflügelt

Der Pianist Simon ­Bucher liebt das Unkonven­tionelle und, was kein Widerspruch ist, er engagiert sich auch für das klassische Lied.

<b>Gefühl der Freiheit:</b> Simon Bucher mag Fliegen und Flügel.

Gefühl der Freiheit: Simon Bucher mag Fliegen und Flügel. Bild: Raphael Moser

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Er kommt gerade vom Gleitschirmfliegen. Eine Premiere führ den Pianisten. Nun steht Simon Bucher in seinem Studio im Progr zwischen zwei Flügeln und inmitten unzähliger Noten. Ob das Fliegen ähnlich schön sei wie die Liederkonzerte, die er unter dem Titel «A Space Odyssey» veranstaltet? «Es war noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt ­habe», erzählt der 38-jährige Berner Musiker.

Das Gefühl von Freiheit, das man beim Fliegen erlebt, ist jedenfalls auch ein wichtiges Lebensmotto Simon Buchers. Freiheit empfindet er auch beim Klavierspielen. Vor allem beim Improvisieren, wo aus dem Moment heraus etwas Neues erschaffen wird. «Diesen Zustand stelle ich über alles andere», sagt er.

Vom Weg abweichen

Simon Bucher nimmt sich als Pianist auch die Freiheit, unkonventionelle Pfade einzuschlagen. «Ich betreibe keine Opposition.» Er will einfach nicht einer bestimmten Schublade angehören. Das «Abweichen vom Weg» entspricht vielmehr einem persönlichen Bedürfnis. Und er liebt die Herausforderung, die damit verbunden ist. So übt er gerade an einer Sonate des praktisch un­bekannten Westschweizer Komponisten Adolphe Veuve. Der Jazz-Liebhaber mag es auch, klassische Stilgrenzen zu überschreiten, etwa mit dem Programm «Petting Goes Classic». Und Simon Bucher tritt gerne an unkonventionellen Konzertorten auf.

Etwa in einer Kehrichtverbrennungsanlage. «Der Raum beeinflusst mein Spiel», sagt er. So enge ihn ein klassischer Konzertsaal ein, dagegen inspiriere ihn eine ungewöhnliche Konzertlokalität. So war das auch bei der U-Boot- Fabrik in Talinn, in der er gespielt hat. Ein solcher Raum sei frei von belastenden Konventionen. Hier erfährt Simon Bucher künstlerische Freiheit.

Lied als Essenz

Und wo ist da die Verbindung zum klassischen Lied? «Das Lied ist die anspruchsvollste Gattung überhaupt», sagt Simon Bucher. Das Lied sei die Essenz der Komponisten, bildet gleichzeitig aber auch ein Tor zu einem kleinen musikalischen Universum. Besonders bei Hugo Wolf, welcher der Liedgattung die Krone aufgesetzt habe, werde jede psychologische Veränderung im Text auch musikalisch aufgegriffen.

Simon Bucher sieht seine Rolle als Klavierbegleiter darin, eine Art Bühnenbild herzurichten, das möglichst genau zu den Geschichten passt, die der Sänger oder die Sängerin erzählt. Lieder seien wie Miniopern, die wie all die leuchtenden Sterne in der unendlichen Weite des Alls gleich ein ganzes Universum an Emotionen und Stimmungen freilegen.

Frecher neuer Auftritt

Zwar richtet sich das Lied an ein Kennerpublikum. Doch Simon Bucher möchte mit seinen Liederprogrammen mehr Menschen erreichen und auch ein jüngeres Publikum ansprechen. Er gibt sich zuversichtlich: «Das Publikum muss das Lied schätzen lernen», sagt er, so wie auch er selbst erst spät den Zugang zum klassischen Gesang gefunden hat.

«Es braucht Zeit und Engagement», ergänzt er. Inhaltlich müssen nämlich keine Hürden überwunden werden: Wie im Pop oder in der Oper geht es auch beim klassischen Lied um Liebe und Tod, Leiden und Sehnsucht. Der Start der Reihe «Das Lied, Liederrezitale Bern», die er vor zwei Jahren vom langjährigen Veranstalter Hansjürg Kuhn übernommen hatte, ist auch dank frechem neuem Auftritt jedenfalls geglückt. «Wir haben das Ziel mehr als erreicht und können gestiegene Besucherzahlen verzeichnen», sagt er. Auch die laufende Saison sorgte dank Auftritt des Startenors Christophe Prégardien zu Beginn für einen Paukenschlag.

Und was ist in Zukunft zu ­erwarten? Die «Space Odyssey» als Leitmotiv der Programme hat ausgedient. Nicht aber die ty­pische Handschrift Simon Buchers: Ungewöhnliche Konzertorte sind nach wie vor zu erwarten. Hervorragende Solistinnen und Solisten sowie packende Programme, die für eine «emotionale Irrfahrt» sorgen, ebenfalls. Doch Simon Bucher wäre nicht er selbst, wenn er auch in den Liederrezitalen den Pfad der Konventionen nicht übertreten würde. Stichworte wie «Chanson» und «Jodel» nennt er. Und fehlen wird auch das Klassikkaraoke nicht, das «Singfest für alle».

Konzert: Freitag, 19.30 Uhr Schloss Bremgarten: «Was sagt der Wolf?»: Mörike-Lieder von Hugo Wolf mit Sarah Wegener, Sopran, Dominik Wörner, Bassbariton, und Simon ­Bucher, Klavier. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.03.2018, 19:59 Uhr

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