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Endzeitstimmung im Goldanzug

Die Kummerbuben sind in der Berner Turnhalle dem Deprorock zugeneigt. Der ist ganz fantastisch düster.

Spielt mit der Apokalypse: Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi. Foto: bol
Spielt mit der Apokalypse: Kummerbuben-Sänger Simon Jäggi. Foto: bol

Nicht einmal zwei Minuten nach Konzertbeginn schreit Kummerbuben-Frontmann Simon Jäggi lautstark «Fuck!» ins Publikum. Die Leute dort sind noch etwas desorientiert. Auf der Treppe vor der Bühne stehen sie links und rechts, wer durchwill, muss kämpfen. Denn immer wieder bleibt jemand stehen, Küsschen hier, Küsschen da. An einem Sonntagabend in der Berner Turnhalle ist die Stimmung betont locker wie bei einer routinierten Hausparty.

Ein kleines, umwerfendes Orchester hier, eine vielseitige und entfesselte Band da – die Fusion ist gelungen.

Auf die Bühne stiegen eben erst sieben schwarz gekleidete Musiker, sie setzten sich an ihre Instrumente, vier Streicher, drei Bläser. Alles ganz normal, nur die schwarz aufgemalten Zorro-Masken irritierten etwas. Aber da lief auch schon Sänger Simon Jäggi in einem goldglänzenden Schlangenlederprint-Anzug ein, und die Gedanken eilten zum nächsten. Es ist die erste Show der Kummerbuben mit dem Apokalypse-Orchester. Als «Mundartrock Meets Klassik» ist die Veranstaltung angekündigt worden.

Wobei das nicht ganz stimmt: Denn das hier ist etwas Eigenes, etwas Sperriges, etwas Düsteres. Wuchtiger Deprorock, der trotz Streicher und Bläser nie pathetisch wird. Und eben auch nicht wirklich zum Mittanzen ist. Das Publikum bleibt in der ersten Hälfte des Konzerts auch dementsprechend reserviert, klatscht höflich, aber nicht enthusiastisch.

Dabei war so etwas zu erwarten. Das Apokalypse-Orchester ist aus einem Projekt der Kummerbuben mit dem 80-köpfigen Variaton-Orchester entstanden. 2018 hatten Orchester und Band gemeinsam Konzerte gespielt und ein Album mit sechs neuen Songs eingespielt. Das brachte die Kummerbuben auf den Geschmack. Für die nun gestartete Clubtour rekrutierten sie ein paar Bläser des Orchesters und weitere Musikerinnen und Musiker.

Ein kleines, umwerfendes Orchester hier, eine vielseitige und entfesselte Band da – die Fusion ist gelungen. Das Repertoire fusst auf der Zusammenarbeit von 2018, keine neuen Lieder, es sind dieselben nachdenklichen Endzeitstimmungssongs. Sie handeln von einsamen Kapitänen, Fischverkäufern mit schlechten Zähnen und dem letzten Menschen.

Apokalypse eben, obwohl viele im Publikum eher auf gemütliches Austanzen des Wochenendes eingestellt wären. Und gerade als sie sich damit abgefunden haben, dass daraus nichts mehr wird, dass die Kummerbuben, die schon immer mit der Düsterkeit sympathisierten, nun endgültig der Party abgeschworen haben, dreht die Stimmung. Da ist er wieder, der Rumpelrock: «One Love, Arschloch», die frühere Unbeschwertheit. Die Draufgängerpolka von damals «Uh Baby».

Frontmann Jäggi zieht das Goldjackett aus, es wird heiss. Er erzählt aus dem Nähkästchen und bringt frühe Songs zum Blühen: so wie «Anneli, wo bisch geschter gsi», das eigentlich wie gemacht ist für dieses Apokalypse-Orchester. Düsterkeit im Goldanzug.

Weitere Konzerte: 21.3., Bären Buchsi; 22.5., Mühle Hunziken, Rubigen. Nächstes Konzert Bee-Flat: Mi, 22.1., Nen feat. Marco Volta, Turnhalle im Progr.

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