Einstand mit Endspiel

Bern

Mit Benjamin Grosvenor gastierte Englands grösstes Klaviertalent beim Berner Symphonieorchester. Und ein Überraschungs­dirigent tanzte an.

Gerühmt: Der Brite Benjamin Grosvenor (23) debütierte beim Berner Symphonieorchester mit Mozarts letztem Klavierkonzert.

Gerühmt: Der Brite Benjamin Grosvenor (23) debütierte beim Berner Symphonieorchester mit Mozarts letztem Klavierkonzert.

(Bild: Sophie Wright/zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

Wer hat Angst vor der klassischen Moderne? Am Sonntag geschah in Deutschland Ungeheuerliches: Ein Abonnentenaufstand, wie man ihn nicht für möglich ge­halten hätte. Als ein Cembalist in der Kölner Philharmonie das Stück «Piano Phase» von Steve Reich vortrug, kam es zu tumultartigen Szenen: «Lachen, Klatschen und andere Geräusche des Missfallens erzwangen den Abbruch der Darbietung», berichtete das Lokalblatt. Reichs Werk, ein halbes Jahrhundert alt, gehört zu den Pionierwerken der Minimal Music. An jeder House-Party läuft Verrückteres.

Wer hat Angst vor der klassischen Moderne? In Bern offenbar niemand. Kein Lachen, kein Poltern. Bloss die üblichen Laut­huster. Mit Bernd Alois Zimmermanns «Stille und Umkehr» beginnt das Konzert. Zimmermann schrieb es kurz vor seinem Suizid 1970, drei Jahre nach Reichs «Piano Phase». Ein karges Stück, entrückt, zugleich wunderbar beschwingt: Im Untergrund pulst der Blues. Die Musik zerrinnt und mit ihr die Zeit.

Drei Lebensendspiele sind zu hören im Kultur-Casino – neben Zimmermanns Werk stehen Mozarts letztes Klavierkonzert und Tschaikowskys 6. Sinfonie auf dem Programm. Eher mild als tragisch-düster klingen die Werke, besonders an diesem Abend der aufstrebenden Debütanten.

Benjamin Grosvenor, gerühmt als grösstes Klaviertalent Englands, gibt seinen fälligen Einstand. Grosvenor gehört nicht zu jenen Jungpianisten, die Mozart partout ganz anders spielen müssen. Unspektakulär klingt das letzte Klavierkonzert bei ihm und doch eigensinnig in den Details, besonders im Finalrondo. Am besten gelingt ihm der Mittelsatz, schwerelos wie selten. Dagegen wirken die Ecksätze stellenweise übereilt, manche Töne erscheinen verschluckt oder zerdrückt, manche Molllöcher überspielt. Man könnte sich diesen späten Mozart entspannter vorstellen.

Gemeinsam unprätentiös

Ob es auch am Dirigenten liegt? Victor Aviat ist der Überraschungs-gast des Abends, eingesprungen für den erkrankten Constantinos Carydis. Aviat (33) trifft sich mit Grosvenor im unprätentiösen Zugriff auf die Musik. Vor der Pause wirkt der Franzose noch etwas unent­schieden, vor allem bei Mozart wünschte man sich eine straffere Führung. Danach blüht er auf: Charles Ives’ sphärisches Stück «The Unanswered Question» gelingt souverän, und bei Tschaikowsky, angesiedelt zwischen Gemütlichkeit und Schwelgerei, hat er die Klangmassen ordentlich im Griff.

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