Zum Hauptinhalt springen

Einer, der macht, was er will

Toni Vescoli wird 75. Als Frontmann von Les Sauterelles hat der Zürcher Musikgeschichte geschrieben. Er mag den Morgen, den er stets mit seiner Frau Ruthli verbringt, er kann Häuser bauen, Möbel restaurieren, er moderiert und schreibt.

Bald 75 – und gar nicht müde: Der Zürcher Musiker Toni Vescoli denkt noch lange nicht an den Ruhestand.
Bald 75 – und gar nicht müde: Der Zürcher Musiker Toni Vescoli denkt noch lange nicht an den Ruhestand.
Marc Riesen / zvg

Die Lektüre von Toni Vescolis Kurzbiografie auf seiner Website ist wie eine Achterbahnfahrt – kurzweilig, amüsant und rasant. Schwarzpulver, Nonno, Bentley, Sonnenbrille oder Peru, Pingu, Blick, Tschingg oder Bart – für alles reicht die eine Stunde nicht. Denn der Mann, der einem gegenübersitzt, hat nicht alle Zeit. Den Morgen nimmt er sich für sich – und für seine Frau Ruthli, die Konstante in seinem Leben.

Sie ist seit über fünfzig Jahren der ruhende Pol, sein Dreh- und Angelpunkt, der ihm die Beständigkeit gibt, die seinem beruflichen Werdegang fehlt. Zusammen essen die beiden Zmorge, ein wichtiges Ritual in ihrem Alltag. Da wird alles besprochen und entschieden, erst danach kommt das andere.

Und das andere, das ist viel. Proben, Studio, Fernsehen, Interviews, Konzerte. Am liebsten verbindet Toni Vescoli seine Termine, das erspart unnötige Fahrten. Und kaum sitzt man ihm vis-à-vis, kommt er auch schon in Fahrt. Von Ruhestand kann keine Rede sein.

Dann jagen sich die Jahre

Jahrgang 1942 – das kann irgendwie nicht sein. Der gleiche volle Ross­schwanz – gut, ein wenig grauer ist er schon, aber weder Kopftuch noch künstliche Haarteile sind vonnöten –, Jeans, schwarzes Shirt mit Aufdruck und Lederjacke, sportliche Figur – der Mann kann doch noch nicht so alt sein?

Doch wenn er ins Erzählen kommt, dann jagen sich die Jahre – und eine Erinnerung die nächste. In seinem Kopf sind noch all die kleinen Details, wer wie mit wem und wann und wo. Toni Vescoli ist ein unterhaltsamer Erzähler. Das wissen auch die unzähligen Kinder, die seine Stimme in konservierter Form von vielen Märchen oder von «Pingu» her kennen.

Seine eigenen Anekdoten sind aber ungleich spannender. Was er genau so sieht. Und sich darum eines Tages darangemacht hat, diese zu Papier zu bringen. Auch als eine Art Selbsttherapie, wie er schmunzelnd verrät. Zu seinem siebzigsten Geburtstag wollte er seinen Fans ein Buch schenken, gedauert hat es aber zwei Jahre länger, bis alles auf dem Punkt war.

Ein langes, reiches Leben chronologisch aufzuzeichnen, dazu noch derart detailgetreu, passiert nicht von heute auf morgen. Zumal seine Band ihn in dieser Zeit auch noch auf Trab hielt. Viel mehr als ein Schulterzucken ist ihm, dem Autobiografen, die Verzögerung aber nicht wert.

Die Dinge kommen eben, wie sie müssen, so viel hat er gelernt. Und dass er einen Co-Autor nötig hatte, wurde ihm beim Schreiben bewusst. Darum hat er sich Antony, sein Alter Ego, erfunden. Die Figur im Buch, die mehr wissen will, als man selber preisgeben möchte. Ein gelungener stilistischer Kniff, der ihm als Schreiber half, Hintergründiges aufzudecken.

Ein schöner Moment

Doch das Schreiben, das geschah ja nur am Rande. Im Zentrum stand und steht für Toni Vescoli die Musik. Les Sauterelles, aber auch seine Karriere als Solokünstler. Mit Ersteren tritt er am Freitag in der Mühle Hunziken auf, welche heute als Konzertlokal für die Band etwa den gleichen Stellenwert hat wie in den Sechzigerjahren das renommierte Café Atlantis. Dort wurden damals die Tourneepremieren gefeiert, so wie dies nun auf der «View to Heaven»-Tour in der Mühle passiert. Ein schöner Moment für die Band.

Wenn nun Zürcher aber im Raum Bern zu spielen pflegen, so begeben sie sich ja gewissermassen in die Höhle des Löwen, was die Herausforderung, aber auch die Spannung steigert. Doch eines weiss Toni Vescoli: Die Berner Fans sind treu, darum ist die Vorfreude auf den ersten Auftritt in diesem Frühling riesig. Les Sauterelles, die Heuschrecken.

Ist dieser ­Name programmatisch? Denn die Bandgeschichte ist bewegt und geprägt von vielen Wechseln. Die vielen unterschiedlichen Besetzungen, die hätten sich immer aus der Situation heraus ergeben, erzählt der Bandgründer. Persönliche oder berufliche Interessen der einzelnen Mitglieder seien halt unterschiedlich gewesen. Und dennoch hat die Band seit 55 Jahren Bestand und ist heute erfolgreicher denn je.

Der Pionier aus Zürich

Während er als Swiss Beatle mit Les Sauterelles Rock – anfänglich geprägt vom instrumentalen Stil der Band The Shadows – macht, sind Toni Vescolis musikalische Seiten genau so vielfältig wie sein ganzes Leben. Seine Mundartsongs «Susann» oder «N1» etwa sind Meilensteine in der Mundartszene, ist Vescoli doch ein Pionier unter den Schweizer Liedermachern – auch wenn er ein Zürcher ist.

Auch die Alben «Tegsass» oder «66», die er als Solokünstler realisierte, zeugen von der Eigenwilligkeit des Musikers, der auch songtechnisch ganz nach dem Motto lebt: Mache, was i will. Diese Devise hat sich für ihn in mancherlei Hinsicht bewährt.

Dass er sich nicht nur musikalisch auf kein Genre beschränken will, zeigt sich in seiner Biografie deutlich. So hat der gelernte Hochbauzeichner sein erstes Haus auf Teneriffa selbst entworfen. Daneben hat er antike Möbel restauriert, ein Bauernhaus umgebaut. Ist TV-Moderator und Unterhaltungsredaktor sowie auch Radiomoderator gewesen. Gibt es etwas, das er im Nachhinein anders ­gemacht hätte?

Vielleicht hätte er noch Klavier spielen lernen können, meint er halbwegs ernsthaft. Doch möglicherweise wären dann seine Songs andere geworden, was ja nicht unbedingt bedeute, dass sie dann besser gewesen wären. Nein, so, wie es war, war es genau richtig, ist Toni Vescoli überzeugt. Selbst wenn der Lebensweg nicht geradlinig verlaufen ist. Unfälle beispielsweise, die ihn beim Schaffen immer wieder zum Innehalten veranlasst haben, sieht er in der Rückschau als nötige Einschnitte, die ihn zum Reflektieren und zum Neuorientieren gezwungen haben.

Eine Netzhautablösung, die ihn während der Arbeit auf Teneriffa vom Druck des Songschreibens für bevorstehende Studioaufnahmen befreite und zum Spitalaufenthalt zwang, sieht er im Rückblick als Erlösung vom Stress der damaligen Situation an. Dass er sich noch während der Arbeit gewünscht hatte, etwas möge ihn von dieser Verantwortung entbinden, genügend neue und gute Songs hervorzubringen, hat ihm auch gezeigt, wie umsichtig mit Wünschen umzu­gehen ist.

Lebenserfahrung führt zwar nicht zwingend zu Weisheit. Dennoch weiss der Kopfmensch Toni Vescoli, der gemäss Horoskop den Mond in der Jungfrau verortet und darum alles gern exakt und wohlgeordnet hat, dass seine Bauchentscheide immer die besten sind.

Ob es nun ein Landkauf auf einer kanarischen Insel war oder der Verkauf des Bauernhauses, des langjährigen Zuhauses im Tösstal, und der damit verbundene Umzug in eine Wohnung im Zürcher Oberland. Was aus einem guten Gefühl heraus entsteht, kann nicht falsch sein. Das hat er gelernt.

Toni Vescoli macht weiter

In diesem Sommer wird Toni Vescoli, eine der prägendsten Figuren der Schweizer Musikszene 75. Prägen will er mit Les Sauterelles die Musiklandschaft auch weiterhin. So stehen neben dem Konzert in der Mühle Hunziken auch Auftritte auf der Piazza Grande in Locarno, in Zürich, Basel und St. Gallen, an der Beatleweek in Liverpool und in der Fernsehsendung «Hello Again» von Schweizer Fernsehen SRF 1 bevor. Toni Vescoli macht also weiter, was er will. Und das ist auch richtig so.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch