Ein Rebhuhn auseinandernehmen

Der Berner Autor Michael Fehr hat neun Kurztexte mit Musik als Album herausgegeben.

Michael Fehr besingt auf seinem Album «Im Schwarm» die Sezierung eines Rebhuhns.

Michael Fehr besingt auf seinem Album «Im Schwarm» die Sezierung eines Rebhuhns.

(Bild: Franco P. Tettamanti)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Der Zufall will es, dass ich gerade daran bin, mühsam ein Lachsfilet von der Haut zu befreien, als aus den Boxen sanfte Trommelschläge und eine gezupfte Gitarre ertönen und Michael Fehr mit seiner rauen Stimme zu summen und später zu singen beginnt.

«Ein Rebhuhn auseinandernehmen, ein Rebhuhn auseinandernehmen», wiederholt er, endlos lang. Und ich zupfe, schneide am Lachsfilet herum. Es ist ein Lied von Michael Fehr, dem Berner Autor, der seine Texte am liebsten musikalisch interpretiert und nun mit «Im Schwarm» eine Kollektion solcher Kurztexte mit Musik als Album herausgibt. «Man nimmt das Rebhuhn und klemmt es zwischen den Beinen ein, und dann zieht man ihm den Hals lang, und dann sperrt man ihm den Schnabel auf und sieht hinein», sprechsingt er.

Die einzelnen, regenbogenfarbigen Schuppen der Fischhaut bleiben an den Fingern und dem Messer kleben. Ich schlucke leer und wasche mir die verschmutzten Hände mit reichlich Seife. Komponist Manuel Troller ist an der Gitarre. Sein Instrument wirkt wie eine weitere Erzählstimme, hier gewollt unpassend, fast übermütig, hüpfend und fröhlich – derweil das Rebhuhn auseinandergenommen wird.

«Aber zuerst nimmt man den Stichel und sticht ihm von beiden Seiten die Augen aus, mit ein wenig Übung kommen die ganz leicht heraus.» Ein widerlicher Schmaus, den Fehr hier detailliert beschreibt. Fehr, dessen Prosa keinem gängigen Muster folgt, der melodisch schreibt, in seinem eigenen Rhythmus, in eigenen, oftmals eigentümlichen, dialektalen Sätzen, dafür wurde er schon mehrfach ausgezeichnet, zuletzt in diesem Jahr mit dem Schweizer Literaturpreis für «Glanz und Schatten».

Auf «Im Schwarm» sind neun Songs, die mal drei, mal elf Minuten gehen und Kurzgeschichten ohne Plot und mit hohem Unterhaltungswert sind. Neben dem Rebhuhn werden mädchenlose Männer und lästige Hunde besungen. Fehrs Stimme erinnert immer wieder an Tom Waits. Oder an Herbert Grönemeyer – wäre da nicht der eigensinnige Akzent, das Schweizerdeutsch im Hochdeutsch.

«Ja, aber das dünkt mich doch bald ein wenig grausam» zum Beispiel, oder «und dann setzt man das Häutmesser hier, gerade hinter dem Schnabel an und zieht schön fein durch bis zum Bürzel». Dazu die mal minimalen, mal wuchtigen Bluesklänge. Die Songs wurden in den letzten drei Jahren im Duo oder zusammen mit Andi Schnellmann (Bass), Julian Sartorius und Rico Baumann (beide Perkussion) auf die Bühne gebracht. In der wohl idealen Form für diese Literatur, die vor allem mündlich funktioniert.

Der Lachs liegt hautlos da. Das Rebhuhn ist ausgenommen.

Michael Fehr (und andere): «Im Schwarm», Der gesunde Menschenversand.

Berner Zeitung

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