Ein Hoch für Schallplattenschneider

Mehr Schallplattenverkäufe als di­gitale Downloads in England, steigende Verkäufe weltweit: Vinyl boomt. Davon profitiert auch der Berner Adi Flück. Der Schallplattenschneider presst die Musik von Yello und Co.

Im Berner Studio stellt Adi Flück (36) Platten her, unter anderem von Züri West oder Yello. Die dafür nötige Maschine stammt aus Asien.

Im Berner Studio stellt Adi Flück (36) Platten her, unter anderem von Züri West oder Yello. Die dafür nötige Maschine stammt aus Asien.

(Bild: Urs Baumann)

Adi Flück ist kein «Vinyldogmatiker». Der gebürtige Brienzer hatte sich damit abgefunden, dass die Schallplatte nach und nach vom Markt verschwand. Und nun das: Vinyl boomt. Für Flück, ­Ingenieur für Mastering und Schallplattenschnitt, bedeutet die Rückbesinnung zur guten alten Schallplatte nicht nur ein neues Gefühl für beste Soundqualität, sondern auch eine unerwartete Blütezeit für ein rar gewordenes Handwerk.

Der ehemalige Tontechniker schneidet seit zehn Jahren Platten, seit einiger Zeit hauptbe­ruflich. «Hineingerutscht» ist der Oberländer durch Freunde, die 2001 in Delhi günstig eine Plattenschneidmaschine erwerben und in Bern unter dem Namen Centraldubs ein Studio für die primäre Anfertigung sogenannter Dubplates aufbauen konnten – Schallplatten-Einzelanfertigungen für DJs etwa aus der Reggae-, Dub- und Drum-’n’-Bass-Szene.

Was er damals höchstens hoffte, aber sicher nicht ahnen konnte: Ein paar Jahre später stiegen die Vinylverkäufe weltweit wieder massiv an. In Grossbritannien, so berichteten Medien Ende 2016, hätten die Zahlen von Schallplattenverkäufen erstmals die Ausgaben für digitale Downloads überstiegen. In der Schweiz ist die Zahl der umgesetzten Schallplatten gemäss «Tages-Anzeiger» seit 2006 von 20'000 auf über 150'000 gestiegen.

Züri West bis Yello auf Vinyl

Heute ist der 36-jährige Flück einer der wenigen Vertreter einer jungen Cutter-Generation und sein Handwerk gefragt wie nie. In seinem Studio im Berner Mattequartier gehen nicht mehr nur DJs, Indie-Bands und Vertreter heimischer Underground-Labels wie Reverend Beat-Man von Voodoo Rhythm Records ein und aus. Auch kommerzielle Bands wie die Berner Band Züri West oder das Zürcher Elektropopduo Yello klopfen an und wollen ihren Sound fachmännisch gemastert und im grossen Stil auf Vinyl gepresst bekommen.

Mit dem erneuten Schallplattenboom ist auch der Wert der ­damals aufgrund mangelnder Nachfrage günstig erworbenen Schneidmaschine massiv angestiegen. «Auf der ganzen Welt gibt es heute nur noch etwa drei- bis vierhundert funktionierende professionelle Maschinen», so Flück. Darunter seine, die in den 70ern gebaut wurde und noch immer läuft wie geschmiert.

Der Prozess, in dem ein Song aus der digitalen Form auf die Schallplatte geschnitten wird, ist für einen Laien in etwa so gut nachvollziehbar wie jener, in dem ein Buchstabe via Tastaturbe­tätigung auf den Computerbildschirm gelangt. Adi Flück spricht von Audiosignalen, von horizontaler und vertikaler Schneid­richtung und erklärt, dass die Aufnahme in Echtzeit erfolgt. ­Alle weiteren Ausführungen übersteigen die Vorstellungen eines Outsiders.

In der Praxis lässt sich der Vorgang jedoch mit dem ganz normalen Auflegen einer Schallplatte im heimischen Wohnzimmer vergleichen. Nur dass Adi Flück anstelle eines fertiggestellten Werks eine noch unbespielte, aalglatte Lackplatte auf den Teller seiner Schneidmaschine legt. Eine leere Scheibe, auf die die Rillen und damit die Musik erst noch übertragen werden.

Attraktiver als ein USB-Stick

«Trotz des Rauschens ist die Soundqualität auf einer Schallplatte einfach besser als alles andere», schwärmt der Tonspezialist, während er sich eine tau­frische Aufnahme zur Kontrolle anhört. Gewisse Szenen wie Metal-, Stoner- oder Garage-Rock-Bands hätten dem Medium aus diesem Grund erst gar nie ab­geschworen.

Andere finden nun wieder Geschmack daran, ihre Musik neben der digitalen Ver­öffentlichung auf Vinyl zu pressen. Sicher nicht zuletzt deshalb, weil die CDs zunehmend verschwinden und «sich eine Schallplatte als Alternative nach Konzerten ganz einfach besser verkaufen lässt als ein USB-Stick».

Berner Zeitung

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