Ein Hoch auf den Bern-Akkord

Wie geht der Bern-Akkord? Und was haben Klee, Einstein, Lenin, Wölfli und Walser miteinander zu tun? «Convergences», die neue Komposition von Jean-Luc Darbellay, gibt verblüffende Antworten.

«Was ich in einem Tag notiere, spielt das Orchester vielleicht in einer Sekunde»: Komponist Jean-Luc Darbellay im «Cockpit» seiner Villa an der Berner Kirchenfeldbrücke.

«Was ich in einem Tag notiere, spielt das Orchester vielleicht in einer Sekunde»: Komponist Jean-Luc Darbellay im «Cockpit» seiner Villa an der Berner Kirchenfeldbrücke.

(Bild: Urs Baumann)

Oliver Meier@mei_oliver

Jean-Luc Darbellay öffnet das Fenster. «Hören Sie die Aare? Bei Hochwasser kann sie richtig laut sein. Dafür schweigt sie oft im Winter.» Darbellay sitzt im lichtdurchfluteten Erker, dem «Cockpit» im obersten Stock seiner Villa an der Berner Kirchenfeldbrücke.

Es könnte die Arbeitsstube eines Komponisten aus dem 19.Jahrhundert sein. Musikbücher und Partituren türmen sich im Reich, das die Sicht freigibt auf den Kosmos zwischen Bundeshaus, Kultur-Casino und Münster. Der Komponist hat die Kulturstadt Bern nicht nur im Blick, er horcht sie gleichsam aus.

Raffinierter Schlafrhythmus

Darbellay sitzt praktisch jede Nacht im «Cockpit», um zu komponieren. Still ist es dann, nur die Aare musiziert. Den Schlaf teilt er ein in Portionen, rhythmisiert ihn nach einem ausgeklügelten Prinzip, seit über 30 Jahren. Die Doppelbelastung als Arzt und Musiker hat ihn dazu gezwungen.

Nun ist er 68, seit 3 Jahren pensioniert. Doch das Metallschild beim Eingang hängt noch immer: «Docteur Jean-Luc Darbellay, médecine générale». Und auch den raffinierten Ruherhythmus hat er beibehalten. «Ich könnte gar nicht mehr anders», sagt Darbellay und erläutert die Vorteile: kein oberflächlicher Schlaf, nur Tiefschlafphasen!

Musik und Medizin – beides hat Jean-Luc Darbellay, Sohn eines Walliser Arztes, aus dem Elternhaus mitgenommen. Früh schon lernte er Geige und Klarinette, spielte weiter auch während des Medizinstudiums. Im Frühsommer 1968, als am Münster die Vietcong-Fahne gehisst wurde, gründete der 22-Jährige mit Gleichgesinnten das Medizinorchester Bern. Doch erst im «biblischen Alter» von 29 entschied er sich für eine professionelle Klarinettenausbildung am Konsi – etwas, das heute «kaum mehr denkbar» sei.

Fast 300 Werke komponiert

Im Studium hat Darbellay zum Komponieren gefunden. Es war der Musikwissenschaftler Theo Hirsbrunner, der ihn in die Welt der Zwölftonmusik einführte und zum Komponieren anregte. Bis heute hat Darbellay fast 300 Werke geschrieben, nicht wenige davon hat er als Dirigent selber zur Aufführung gebracht.

Seine jüngste Komposition hat Darbellay vom «Cockpit» aus mit Blick auf die Uraufführungsstätte geschrieben: «Convergences», ein Auftragswerk von Konzert Theater Bern, erhält die stolze Bühne des Kultur-Casinos. Es ist ein Werk von 23 Minuten für grosses Orchester, bis ins Mark von Bern geprägt.

Was das heisst? Jean-Luc Darbellay setzt sich ans alte Klavier. «Hören Sie? Das ist der Bern-Akkord: b – e – re. Nur den Ton ‹n› gibt es leider nicht in der Musik.» Darbellay schmunzelt. Schon der erste Akkord seiner allerersten Komposition, ein Werk für drei Bassetthörner («mein Fetischinstrument»), habe diese Töne enthalten. Er schrieb es 1981. «Ich habe jetzt 33 Jahre komponiert und immer wieder die drei Töne verwendet, ohne zu merken, dass ich Bern verarbeite.»

Drei Töne als Leitmotiv

b – e – re: Man mag dieses musikalische Bern in seiner Mischung aus Tönen (b, e) und Tonsilbe (re) etwas konstruiert finden. Darbellay indes hat es begeistert zum Leitmotiv seines neuen Werks erkoren. Immer wieder blitzt es auf, schillernd und spannungsreich wie der berühmte «Tristan-Akkord» von Richard Wagner, der in Darbellays Perspektive einen erweiterten «Bern-Akkord» darstellt.

Beide heischen nach Entspannung, nach Auflösung. Doch die Richtung ist offen. «Darin, in diesem Schwebezustand zwischen Tonalität und Atonalität, zwischen Konsonanz und Dissonanz, liegt eigentlich das ganze Geheimnis meiner Musik», erzählt der Komponist. Das sei sein Personalstil, sein Markenzeichen geworden.

Und was hat es auf sich mit dem Werktitel «Convergences» («Zusammenlaufen»)? Der Komponist holt jetzt weit aus. Er spricht über Paul Klee und Albert Einstein, über Adolf Wölfli, Wladimir Iljitsch Lenin und Robert Walser. Alle fünf, so Darbellay, hätten sich vor rund 100 Jahren in Bern aufgehalten.

«Allen gemeinsam war, dass sie Hinweise auf Kräfte beschrieben, die eine ‹korrekte Verzerrung› des herkömmlichen Verständnisses verursachen können.» Auch davon habe er sich in seinem neuen Werk inspirieren lassen.

Tontrauben und Eruptionen

Darbellay holt die Partitur hervor. Über eine Armlänge ist sie hoch – wahrlich ein Werk für grosses Orchester. Jede Note hat er wie immer von Hand geschrieben, direkt ins Reine. «Was ich in einem Tag notiere, spielt das Orchester vielleicht in einer Sekunde», so Darbellay.

Seite für Seite geht er mit dem Besucher durch. Hier: eine gewaltige Eruption! Dort: eine Tontraube. Und hier: ein langes Hornsolo! Geschrieben – natürlich – für seinen Sohn Olivier, Solohornist im Berner Symphonieorchester.

Darbellay blättert und blättert, mit Freude über die wundersamen Instrumente, die er aufbietet: einen Wassergong etwa. Ein Wassergong? «Etwas ganz Geniales», sagt der Komponist. «Man taucht einen Gong in einen Wasserkübel.» Gongs seien die leisesten Instrumente im Orchester.

Gleich zu Beginn seines neuen Werks setzte er sechs davon ein. «Der erste Takt ist leer, die reine Ruhe. Dann wächst aus dem Nichts langsam ein Klangbaum aus Geräuschen. Das ist die Aare, die ich jeden Tag höre.»

Konzert mit Uraufführung: Do, 27. 11. und Fr, 28. 11., jeweils 19.30 Uhr, Kultur-Casino Bern. www.konzerttheaterbern.ch

Berner Zeitung

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