Ein Has macht Kammermusik

Stiller-Has-Sänger Endo Anaconda trat erstmals im Duo mit Pianist Roman Wyss auf. Es war ein heisser, launiger und geschwätziger Abend.

Nach nervösem Start?tauten sie auf: Sänger Endo Anaconda (rechts) und Pianist Roman Wyss.

Nach nervösem Start?tauten sie auf: Sänger Endo Anaconda (rechts) und Pianist Roman Wyss. Bild: Christoph Hoigné/zvg

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In der Sauna wärs derzeit nicht viel heisser. Während es an diesem Donnerstagabend draussen langsam abkühlt, herrscht in der Cappella ein tropisches Klima. Dicht an dicht drängen sich die Menschenmassen zur Saisoneröffnung.

Das Kulturlokal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Auch die zwei Herren auf der Bühne schwitzen. «Als ich vom Trub hierhergefahren bin, habe ich mich gefühlt wie ein Biofleischkäse hinter der Windschutzscheibe», sagt Endo Anaconda, der Wahl-Emmentaler, ganz zum Schluss des Konzerts. Er ist erschöpft und ausser Atem.

Es war eine Premiere für ihn: Ein Abend lang nur seine Stimme, begleitet vom Pianisten Roman Wyss. Kein Rock, dafür viel Verletzlichkeit und etwas Schwermut. «Warum hast du nur traurige Lieder», werde er oft gefragt. «Die anderen kann ich mir nicht leisten», antwortet der Frontmann von Stiller Has nun dem anwesenden Publikum.

Besser nach der Pause

Die neue Situation ohne Band im Rücken macht den 60-Jährigen in der ersten Hälfte des Konzerts spürbar unsicher. Er rutscht auf seinem Barhocker herum und kann sich nicht entscheiden zwischen Lieder- und Erzählabend.

Ein paarmal verliert er den Faden, setzt zu ausufernden Anekdoten und Kommentaren an, die er dann nicht auflöst. Erst wenn er sich in die mitgebrachten neuen Texte und die altbekannten Lieder stürzen kann, taut er auf. Dann findet seine unverkennbare Stimme zur gewohnten Stärke. Reibt sich an den Pianoklängen, folgt ihnen mal und stellt sich dann wieder quer.

Und Pianist Roman Wyss fängt das alles auf, fast stoisch, bleibt er das verlässliche und konstante Element dieses Abends. «Wir haben viel geprobt – mehr als ich es von Kleinkunstprojekten her gewohnt bin», sagte Wyss im Vorfeld in einem Interview im «Bund». «Wir haben das alles nicht geprobt», sagt Endo Anaconda nun vor gefüllten Rängen.

Ob geprobt oder nicht, auf alle Fälle geht es nach der Pause viel routinierter weiter. Mit dem bitterbösen «Märli» von seinem letzten Album «Böses Alter» hat der Sänger das Publikum in der Tasche. Beim etwas älteren «Pirat» kommen Endo Anaconda und die Zuschauer später in Fahrt.

Und in der zweiten Hälfte ist der Augenblick dann auch besser für die vielversprechenden neuen Lieder. Da führt Endo Anaconda zynisch alle seine Probleme auf das eine zurück: «Wüu dir mir nie es Ross heit kouft». Oder er besingt in «ganz normale Fritig» den täglichen Terror und Wahnsinn auf der Welt.

Album im Februar

Sogleich breitet sich Vorfreude aus – die Endo Anaconda augenblicklich wieder dämpft: «Im Februar kommt ein letztes Mundartalbum, dann reichts», sagt er. Es gebe so viel Mundart, «die Leute merken den Unterschied nicht mehr». Dann besingt er mit dem neuen «Endosaurus Rex» sein Ende gleich selbst.

Für diese rebellische Kam­mermusik hat sich der kurze ­Ausflug in die Tropen durchaus gelohnt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.08.2016, 13:07 Uhr

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