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Stephan Eicher und die grosse Überforderung

Was war das jetzt? Stephan Eicher flutet das Berner Casino am zweiten Eröffnungsabend mit ganz viel Musik, Gästen und Emotionen.

Am zweiten Eröffnungsabend des Berner Casinos tritt Stefan Eicher mit zahlreichen Gästen auf.
Am zweiten Eröffnungsabend des Berner Casinos tritt Stefan Eicher mit zahlreichen Gästen auf.
Susanne Keller
Einer davon ist Mario Batkovic.
Einer davon ist Mario Batkovic.
Susanne Keller
Am Ende des Konzertes war das Publikum vorallem verdattert.
Am Ende des Konzertes war das Publikum vorallem verdattert.
Susanne Keller
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Was bleibt, ist Verdatterung. Vielleicht hat man da gerade etwas ganz Grossem beigewohnt. Etwas, von dem auch in 20 Jahren noch alle sprechen werden. Ganz sicher aber ist es das längste Konzert, an das man sich erinnern mag. Vier Stunden und zehn Minuten dauert es, Pause gibt es keine. Es endet um 0.40 Uhr mit den wilden Bläsern des Berner Rumpelorchesters Traktorkestar, die im Entenmarsch durch die Zuschauerreihen schreiten, den Saal tutend und blasend verlassen.

Da steht das Publikum längst auf dem frisch geölten Parkett, klatscht und ruft und bewegt die Hüfte. Und lechzt nach einem Getränk. Denn im Grossen Saal des Casinos herrscht weder Cüpli- noch Bierstimmung. Nur trockene Luft - Bedingungen wie bei einer Expedition, auf die man schlecht vorbereitet ist.

Dabei hätte man es wissen können. Stephan Eicher, Berns verlorener Sohn, geniesst zur Wiedereröffnung des umgebauten Casinos eine Carte Blanche. Und er hat ein «opulentes Menü» angekündigt. Freunde eingeladen wie den Akkordeonisten Mario Batkovic, die in Zollikofen geborenen und nun in den USA mit ihrer Countrymusik für Furore sorgenden Krüger Brothers, den Autoren Martin Suter, den vielköpfigen Berner Bach Chor, die Luzerner Sängerin Heidi Happy. Und das sind noch gar nicht alle.

«Ischbär»

Wie bringt man das alles bloss an einem Abend unter? Mit einem durchkomponierten Nummernprogramm, denkt man sich in der ersten Hälfte des Konzerts, in denen Mario Batkovic mehrere Stücke alleine auf der Bühne spielt, den Krueger Brothers übergibt, die daraufhin ein regelrechtes Konzert im Konzert spielen. Stephan Eicher ist bis dahin noch gar nicht richtig aufgetreten, hat zwar kurz eine Referenz an seine Anfangszeit in der Berner Punk-Szene der späten 1970er gehalten, bleibt aber sonst im Hintergrund.

Dafür kann Martin Suter ausgiebig seine langen, aber immerhin lustigen Kurzgeschichten vorlesen. Das Publikum sitzt geduldig, klatscht manchmal enthusiastisch, dann wieder höflich. Immer wenn sich eine ansteckende Müdigkeit ausbreitet, wenn man denkt, jetzt muss aber etwas passieren - passiert es auch.

So wie um 23.10 Uhr - Eicher hat gerade zusammen mit Jeans-for-Jesus-Sänger Mike Egger dessen Lied «L.A.» gesungen, als plötzlich allzu bekannte Töne erklingen. Und tatsächlich: Egger singt «Eisbär», Eichers ersten Song, aber er singt ihn auf Berndeutsch. Und plötzlich bekommt der Satz, den Eicher kurz zuvor gesagt hat, eine ganz andere Bedeutung: «We serigi übernäh, chani gli dervohopple.»

«Meh isch meh»

Ab da dauert das Konzert noch eineinhalb Stunden. Aber zum Glück weiss das niemand. Auch wenn der Eicher-Satz «i ha mer dänkt, meh isch meh» aufhorchen lässt. Diese 90 Minuten sind wie ein zweites Konzert, wie eine sich ständig steigernde Euphorie, die irdische Bedürfnisse wie WC-Gänge und Getränkeaufnahme vergessen lässt.

Eicher singt Polo Hofers «D’Rosmarie und ig», lässt für die Zugabe das Traktorkestar von hinten den Raum erobern. Wobei Zugabe eben ein dehnbarer Begriff ist. Es ist eher ein Konzert das ins nächste übergeht. Irgendwann meint man zu sehen, dass Eicher einem Roadie ein Handtuch nachwirft und ihn von der Bühne verjagt. Hier blitzt die Diva auf, der Gastgeber, der alles nach seinem Geschmack haben will.

Hat er nicht auch schon früher am Abend Musiker zurechtgewiesen, die zu früh auf die Bühne getreten sind? Aber im Nachhinein ist man nicht einmal mehr sicher, ob einem nur die Sinne getäuscht haben. Ob das wirklich so war. Genauso wenig, wie man weiss, ob man in zwanzig Jahren noch davon sprechen wird. Aber man war dabei.

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