Dieser Jazzstar lässt das Akkordeon rabiat rocken

Vincent Peirani holt am Montreux Jazz Festival das Akkordeon aus der Folklore-Ecke. Und weitet sein Repertoire bis hin zu Led Zeppelin aus.

Morgens Chansons, mittags Jazz, abends Hip-Hop: Vincent Peirani in Montreux. Foto: Lion Flusin (MJF 2019)

Morgens Chansons, mittags Jazz, abends Hip-Hop: Vincent Peirani in Montreux. Foto: Lion Flusin (MJF 2019)

Gewiss, am Mittwochabend klingt sein Akkordeon auch einmal konventionell, so wie man es kennt aus der Folklore. Vincent Peirani quetscht sein Instrument. Und das Akkordeon seufzt wunderbar melancholisch, wunderbar sentimental. Dann, Peirani zieht sein Instrument. Und jetzt wird es lustig, wie etwa in «Le Clown Sauveur De La Fête Foraine», das er mit seinem Quintett spielt. Es sind rasende, überkandidelte, verspielte, schäumende Töne. Und dies durchaus im volksmusikalischen Ton.

Doch dieser volksmusikalische Ton ist in Montreux die grosse Ausnahme beim 39-jährigen Pariser Akkordeonisten, einem der grossen Aufsteiger im jüngeren europäischen Jazz. Viel eher atmet die Musik den Tonfall einer aufgerauten Indie-Rockband. Das hängt mit dem Personal seiner «Living Being»-Band zusammen. Die besteht aus ihm selbst, dem famosen Jazz-Sopransaxofonisten Emile Parisien, dem hart rockenden Drummer Yoann Serra, E-Bassist Julien Herné und Keyboarder Tony Paeleman. Insbesondere Paeleman sorgt am Abend mit seinen immer wieder verzerrten Fender-Rhodes-Farben für einen Hauch von Sonic Youth.

Auch einen Led-Zeppelin-Klassiker hat Peirani im Programm. Video: Vincent Peirani (Youtube)

Der Indie-Tonfall hängt vor allem auch mit der musikalischen Persönlichkeit Peiranis zusammen. Denn wer ist dieser Peirani? Dunkles Feuer sprüht aus seinen kleinen Augenschlitzen. Eine listig wirkende schmalköpfige Gestalt. Über zwei Meter gross und übrigens bei seinen Konzerten immer barfuss spielend, wagt er Journalisten gegenüber auch mal Rückfragen zu seinem Akkordeon: «Du denkst, es ist ein Instrument für alte Leute, ein altbackenes Instrument? Los, sag es!» Als 11-Jähriger hat er mit dem Akkordeon begonnen. Sein Vater, ein Freizeit-Akkordeonist, zwang ihn zum Instrument – der Junge hätte viel lieber Rock-Schlagzeug gespielt. Später studierte Peirani klassische Klarinette in Paris. Er nahm mit dem Akkordeon Privatstunden und entdeckte mit 17 den Jazz.

Er ist noch heute überzeugt, dass er dank dieser Musik, für die er sich entflammte, eine frühe Krebserkrankung besiegen konnte. Und was wundert es nun bei so vielen verschiedenen Musiken in jungen Jahren, dass Peirani heute keine musikalischen Grenzen kennt, nach eigenen Worten morgens Chansons, mittags Jazz, abends Hip-Hop spielt?

Rockende Kammermusik

Im Montreux Jazz Club spiegelt sich sein Facettenreiches und stilistisch Offenes. Es lässt Peirani am Akkordeon so ganz anders klingen als jenen Mann, den man bislang für den Inbegriff des Akkordeons im Jazz hielt, Richard Galliano. Die Spannweite der Klänge bei Peirani wird schon dadurch deutlich, dass seine Band am Abend eine Arie aus einer klassischen Oper Henry Purcells aufgreift – genauso aber «Kashmir», die Hymne der Rockband Led Zeppelin. Insgesamt überwiegt die Rock-Tonalität. Und sicher ist es nicht falsch, wenn Peirani seine Band selbst als «chamber rock music orchestra» sieht (im Text des Booklets zu seinem neusten Quintett-Album, «Living Being II – Night Walker»).

Das Überraschendste an Peirani ist zuerst, dass er sich mit seinem Instrument nicht wie Galliano an die Spitze stellt. Wenn hier ein Solist obenaus schwingt, dann ist es eher der Sopransaxofonist Emile Parisien. Oder Keyboarder Tony Paeleman, der oft spielt wie ein sengender E-Gitarrist. Überhaupt lebt Peiranis Band von einem Gruppen-, nicht von einem solistischen Denken. Peirani selbst verwendet sein Instrument auf eine Weise, so, dass es zur stimmigen Stimme wird in dieser Band mit ihrer absolut zeitgemässen Musiksprache zwischen Post-Rock, Jazz und Electronica.

Lebt von einem Gruppendenken: Peiranis Band in Montreux. Foto: Lion Flusin (MJF 2019)

Natürlich spielt Peirani auch mal ein virtuoses Solo oder ein längeres Intro zu einem Stück. Aber es hat dann System, dass er die Melodien meist nicht im Alleingang exponiert. Er sucht das Unisono mit dem Fender Rhodes. Und in dieser Mischung des Akkordeonklangs mit anderem, da käme einem nie im Leben mehr ein volkstümliches Akkordeon in den Sinn.

Erstaunlich auch, wie Peirani sein Instrument als Begleiter einsetzt. Mal geht er in die höchsten Register und spinnt Silberfäden in einem Akkordbild. Mal lässt er sein Instrument in kurzen Klangsplittern schnauben und fauchen. Mal schafft er rhythmisch interessante Schraffuren und gibt sich wie ein Perkussionist. Vor allem spannt er auch bei den Begleitungen zusammen mit Keyboarder Paeleman. Im erwähnten «Kashmir» oder in der Eigenkomposition «Unknown Chemistry» türmen die beiden dichteste, raue Klänge. Sie bauen eine Art «Wall of Sound» und sind Teil einer heavy abrockenden Band.

So verpflanzt Peirani sein Instrument in einen ungewohnten Boden. Und zeigt uns, dass das Akkordeon noch ganz andere Seiten hat als bloss die volksmusikalischen.

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