Die Wut der Patricia Kopatchinskaja

Doppelte Premiere im Zentrum Paul Klee: Am Sonntagabend leitete Geigerin Patricia Kopatchinskaja erstmals die Camerata Bern – und präsentierte eine taufrische Eigenkomposition mit dem Titel «Die Wut».

Gelungene Premiere: Die Wahlberner Violinistin Patricia Kopatchinskaja gestern an der Seite der Camerata Bern im Zentrum Paul Klee.

Gelungene Premiere: Die Wahlberner Violinistin Patricia Kopatchinskaja gestern an der Seite der Camerata Bern im Zentrum Paul Klee.

(Bild: Walter Pfäffli)

Oliver Meier@mei_oliver

Es ist eine «Zugabe». Aber natürlich ist es viel mehr. Kurz vor der Pause macht sich Wut breit – die Wut von Patricia Kopatchinskaja. Ganz in Schwarz steht die Geigerin auf dem Podium, drückt den Bogen auf die Saite. Grell, qualvoll klingt der Ton in hoher Lage, er scheint zu fliehen, getrieben von Streichern, die der Solostimme zusetzen. Gezupfte Unerbittlichkeit in dreifachem Forte.

Klingende Heimsuchung

«Die Wut» heisst das Stück für Streicher. Patricia Kopatchinskaja hat es eigens für die Camerata Bern geschrieben – als klingendes Geschenk zum 50-jährigen Bestehen des Ensembles. Der Auftakt führt mitten in die Sache hinein. Und diese Sache hat etwas mit Heimsuchung, ja Obsession zu tun. «Es geht um A und B, zwei Töne, die mir seit längerem keine Ruhe lassen», sagt Kopatchinskaja. «Irgendwann war ich wütend auf die Töne, sie zerschnitten mir die Seele. Ich hörte sie in jedem Künstlerzimmer, vor jedem Einschlafen, beim Aufwachen. Ich konnte nicht anders, als sie aus dem inneren Ohr nach aussen zu werfen, um ihnen ein Eigenleben zu geben.»

Entstanden ist eine Komposition, die beim ersten Hören als simples Affektgetöse erscheint. Erst bei genauerer Beschäftigung wird klar, wie viel Kunst und Reflexion darin steckt. «Die Wut» erweist sich als expressives, klug strukturiertes Werk, das typische Elemente und Techniken zeitgenössischer Musik vorstellt, verhandelt und dramaturgisch verdichtet – Tontrauben und Schichtungen inbegriffen. Viel Patricia Kopatchinskaja ist da drin. Aber auch mehr als ein halber Johann Sebastian Bach (mit seinem klingenden Namen B - A - C - H).

Kopatchinskajas Neukomposition krönt diesen aufregenden Premierenabend, bei dem sich die Wahlbernerin erstmals als Leiterin der Camerata präsentiert. «Ich bin manchmal wütend auf Dirigenten», sagt sie, «da freut es mich besonders, wenn ich mal alleine ein Ensemble ohne Dirigenten führen kann.» Die Geigerin tut es mit Spielwitz und Risikofreude, die offenkundig ansteckend wirken. Und sie tut es mit einem Programm, das neue Musik von Giacinto Scelsi (1905–1988) und Tigran Mansurian (geboren 1939) mit Werken von Mozart konfrontiert. Beeindruckend, was Kopatchinskaja mit dem Ensemble aus den zeitgenössischen Werken herausholt. «Anâgâmin für 12 Streicher» von Scelsi, einem der geheimnisvollsten Vertreter neuer Musik im 20.Jahrhundert, erscheint als mystische Klanglandschaft, das Konzert für Violine und Streichorchester von Mansurian als aufwühlender Klagegesang, der ins Gebet mündet.

Und Mozart? Kopatchinskaja spielt dessen D-Dur-Violinkonzert KV 218 in leichtem Ton, geradezu zärtlich im Mittelsatz. Kokett und unberechenbar wirken dagegen die Ecksätze, die gar in die Clownerie zu rutschen drohen. «Ich höre hier Oper, Kindertrompeten, Spässe, betrunkene Dudelsackspieler, rutschige Parkette, schlecht tanzende Aristokraten, aber auch Engel und Verliebte», sagt Kopatchinskaja.

Explosiver Mozart

Kaum weniger theatralisch wirkt das d-Moll-Klavierkonzert KV 466. Jean Sélim Abdelmoula (21), der coole «Youngster» aus der Westschweiz, spielt es abgebrüht, mit einem klaren Anschlag, der mitunter fast schon buchstabierend wirkt. Reizvoll sind die eigensinnigen Tempovorstellungen und sein improvisatorischer Geist, der vor allem in der letzten Solokadenz zum Tragen kommt. Patricia Kopatchinskaja, die «Anführerin», verleiht diesem Mozart eine geradezu explosive, dreckige Dramatik. Man könnte es auch Wut nennen.

Zum Nachhören:Die Aufzeichnung des Konzerts wird von Radio SRF2 am 27.1. um 21 Uhr ausgestrahlt. Dank an Jean-Luc Darbellay: Der Komponist und Dirigent hat uns bei der Analyse von Patricia Kopatchinskajas «Wut» unterstützt.

Berner Zeitung

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