Die Rückkehr der Rap-Veteranen

Deutschrap-Fans drehen im roten Bereich: Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad sind zurück. Diese Woche erscheint nach 13 Jahren das neue Album ihrer Kultgruppe Beginner. Die Hamburger Hip-Hop-Veteranen selbst nehmen die Aufregung gelassen.

Haben keinen Bock, nur Legenden zu sein: Denyo, Eizi Eiz (Jan Delay) und DJ Mad (von links).

Haben keinen Bock, nur Legenden zu sein: Denyo, Eizi Eiz (Jan Delay) und DJ Mad (von links).

(Bild: zvg)

Das erste Beginner-Album nach 13 Jahren ist für viele Menschen das Ereignis des Jahres. Wie fühlt man sich, wenn man das weiss?Denyo: Naja, viele? Also: Für mich, meine Mutter und meine Frau ist es das bestimmt. (lacht) Eizi Eiz: Auch meine zwei Jahre alte Tochter ist sehr aufgeregt. Hier (spielt auf seinem Handy ein kurzes Video ab, auf dem ein Kleinkind ein paar Mal «Ahnma» sagt und sich sehr freut).

Sie nennen sich in der ersten Single «Ahnma» selbst die «Veteranen von der Reeperbahn». Ist es Ihnen wichtig, dieses Hamburg-Ding zu pflegen?Denyo: Ja. Das macht uns Spass. In New York oder Los Angeles feiern sie ihre Stadt ja auch. Und wenn du ein bisschen älter bist, ein bisschen mehr von der Welt gesehen hast, dann ist das erst recht unterhaltsam.

Muss man als Rapper eigentlich denken, dass man der Geilste ist?Denyo:Das hilft sicher. Zumindest braucht man das Selbstbewusstsein und den naiven Willen, der Derbste zu werden. DJ Mad:In den 1990er-Jahren war uns schon bewusst, dass wir gar nicht so geil sind, wie wir gern wären. Aber irgendwann weisst du auch selbst, was du kannst. Mit den Jahren und der vielen Erfahrung wirst du besser, ganz klar.

Sind Sie als 40-Jährige anders an das neue Album «Advanced Chemistry» herangegangen als damals 1998 mit Mitte 20 an «Bambule»?Eizi Eiz:Klar. Man hat früher viele Fehler gemacht, die man heute nicht mehr machen will. Zum Beispiel: Zu früh zu denken, man ist fertig mit dem Album. Oder ein zu grosses Ego zu haben und nicht in der Lage zu sein, teamplaymässig zu arbeiten. Bei diesem Album war es die Prämisse, unseren ziemlich weit oben angesetzten Ansprüchen tatsächlich und ehrlich gerecht zu werden. Das resultierte in viel Spass und viel Arbeit und hat eben mit Pausen fünf Jahre lang gedauert.

Erwachsen zu sein und zugleich jung zu klingen – ist das ein ­Spagat?Denyo: Spagat würde ich nicht sagen. Eher ein natürlicher Prozess. Ich habe mir nie Fragen gestellt wie «Wie klinge ich ein bisschen jünger?» oder «Schaffe ich es auch mit drei Kindern noch, unspiessig zu wirken?» Heute überlegt man sich eben vorher viermal, ob man saufen geht. Aber manchmal macht man es, und dann rappt man im Stück «Kater» anschaulich darüber, wie sich das am nächsten Tag anfühlt. DJ Mad:Dennis und ich legen am Wochenende oft zusammen auf. Wenn du Musik für Mittzwanziger machst, bedeutet das zwangsläufig, dass du am Ball bleiben und verstehen musst, warum die Leute gerade auf diesen oder jenen Style stehen. Und wenn der beste Beat der Welt eben aus Mumbai kommt, dann spielst du den. Übers Internet höre ich wahnsinnig viel und grabe mich da ziemlich tief ein. Das ist schon eine andere Art des Albummachens als damals. Eizi Eiz: Trotzdem sind wir auch diese leicht oldschooligen Heinis aus den Siebzigern.

Die aber möglichst nicht zu stark nach Old School klingen sollen?Eizi Eiz:Die Herausforderung ist, Old-School-Legende und gleichzeitig der heisseste frische Scheiss zu sein. Wenn die Platte gut ist oder nur okay, dann bleibt man weiter nur die Legende, und darauf hatten wir keinen Bock. Aber wenn du es schaffst, eine ­relevante Platte zu machen, die gut ist und eben nicht nur die Oldschooler abholt, dann zementierst du dich. Denyo: Es wäre ein Fehler gewesen, nur diesen legendären Geist von «Bambule» zu beschwören. Eizi Eiz:So zu rappen wie vor 20 Jahren, das wäre viel zu wenig gewesen. Das kann heute jeder.

Ihr neues Album war ewig lange angekündigt. Und dann erschien es doch nie. Fast wurde das zum Running Gag. Was sollte das?Eizi Eiz:Wir haben immer gesagt, wir arbeiten daran. Aber wir haben auch immer gesagt, wenn es nicht geil wird, dann kommt es nicht raus. Wir haben das Album öfter abgekündigt als angekündigt. Wir wussten halt nicht, wann es fertig sein würde Denyo: Gerade da wir lange nichts gemacht hatten, bedeutete das auch, dass wir uns immer wieder selbst und unsere Musik infrage stellten. Es schwebte immer so ein «Ist das jetzt geil genug?» durch den Raum.

Haben Sie sich zu stark unter Druck gesetzt?Eizi Eiz: Nein, vom Druck waren wir frei. Wir machen nichts wegen der Kohle. Wir machen nur was wegen der Kunst.

Wann war die Platte geil genug?Denyo: Im Sommer 2015. Da kam endlich alles zusammen. Die Chemie in der Band war zwar schon vorher toll, aber die Skills waren noch nicht auf den Punkt, wir hatten den richtigen Rhythmus noch nicht gefunden. Ein Vorteil war auch, dass wir nach Jans Rockalbum und meinem ­Album «Derbe» endlich mal viel Zeit am Stück für die Beginner hatten.

Im Song «Schelle» bezeichnen Sie, Eizi Eiz, den Agrarkonzern Monsanto als «böse». Ist die politische Wut noch in Ihnen?Eizi Eiz:Ja, die ist noch da. Die bleibt auch da. Man ist ja auch in seinen Songs der, der man ist. Weil das Themen sind, die wir für wichtig halten und mit denen wir uns täglich beschäftigen, blitzen diese Themen auch in unseren Liedern auf.

Wie viel Politik erlauben Sie sich?Eizi Eiz: Natürlich ordnen wir das Ganze dem Entertainmentfaktor unter. Du willst Statements abliefern, aber nicht in Form einer Rede an die Nation, sondern unterhaltsam. Normalerweise äussern wir Kritik nicht, um Kritik zu äussern, sondern bringen die Kritik nur vor, wenn wir sie in einen guten Reim verpackt kriegen. In dem Monsanto-Fall allerdings habe ich auf den guten Reim geschissen. Weil ich echt was habe gegen dieses Unternehmen von der dunklen Seite der Macht. Denyo:Ich liebe es, wenn Rapper einfach mal frei heraus sagen, was sie denken. Wir machen das aber nicht über ein ganzes Album. ­Dafür ist uns der Wortwitz zu wichtig.

«Advanced Chemistry» ist nicht direkt ein politisches Album, doch fliesst Politik immer wieder mit ein. Etwa in «Nach Hause», wo es heisst, ohne Migration seien wir «vollkommen unterfremdet».Eizi Eiz:Bleibt der Ausdruck hängen?

Total.Eizi Eiz: Sehr gut. Das wollten wir. Wir haben früh, noch vor «Bambule», gemerkt, dass es Blödsinn ist, die ganze Zeit sozialkritische Themen anzugehen, Missstände eins zu eins in den Strophen herunterzubeten. Das interessiert niemanden. Wenn man aber Politik oder Kritik in seinen Texten hat, dann will man damit etwas bewirken. Und das funktioniert sehr viel besser, wenn die Lieder toll sind – und dann vielleicht ein, zwei Zeilen enthalten, in denen wir die eigenen Ideale, die persönliche Haltung widerspiegeln, am besten in einem Wortspiel. Denyo:Man darf von den Hörern nicht zu viel erwarten. Sonst schreckst du sie ab, und sie machen zu. Wir versuchen, die Menschen mit subtilen Botschaften in eine Richtung zu schubsen, in die wir sie gern schubsen möchten.

Beginner: «Advanced Chemistry», Universal, erscheint am 26. August.

Berner Zeitung

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