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Der Unkaputtbare

Iggy Pop trat am Montreux Jazz Festival auf – und fiel von der Bühne.

Körperkult: Iggy Pop in Montreux. Foto: Lionel Flusin
Körperkult: Iggy Pop in Montreux. Foto: Lionel Flusin

Nach einer Stunde fiel Iggy Pop von der Bühne. Just dann, als er und seine Band gerade das reguläre Set mit David Bowies «The Jean Genie» abgeschlossen hatten. Es folgten einige bange Momente, ehe der 71-Jährige geborgen und von seinen Assistenten von der Bühne geführt werden konnte. So kümmerlich, wie er die Bühne verlassen hatte, musste man annehmen: Das wars nun also mit diesem Abend, an dem Iggy Pop schon nach dem ersten Refrain des ersten Songs «I Wanna Be Your Dog» seine Lederjacke mit Leopardenmuster ausgezogen hatte und fortan seinen Oberkörper kreisen liess. Und damit jenen sehnigen Körper zelebrierte, der längst schon ein Kunstwerk für sich allein ist.

Doch natürlich ging es im Auditorium Stravinski in Montreux dann doch weiter, denn eine unkaputtbare Gestalt kehrt immer zurück, lässt sich von nichts und niemandem aufhalten. Und seine Band, die die klassischen Songs wie «The Passenger», «Lust for Life» oder «Search and Destroy» zuvor eher verwaltete als verschärfte, gab ein entfesseltes «1969». Iggy Pop tänzelte wieder auf die Bühne, mimte den Nihilisten, den No-Future-Mann, der er schon vor 49 Jahren war, damals als Sänger seiner Band The Stooges, die den Punk mit ihrer rohen Energie um Jahre vorweggenommen hat.

Rohe Energie: Iggy Pop. Foto: Daniel Balmat
Rohe Energie: Iggy Pop. Foto: Daniel Balmat

Diese Energie war greifbar – zumindest in den vorderen Reihen, wo es nach Männerschweiss stank, wo sich Fans im Crowdsurfen übten, wo der Körper, die Tänze, die Kapriolen, die Posen von Iggy Pop nicht nur über die Videowände sichtbar, sondern unmittelbar präsent waren. Wo auch zu sehen war, dass der Vortänzer Iggy Pop sich nicht immer allzu ernst nimmt.

Das macht Iggy Pop, wenn er nicht auf der Bühne steht: Seine Arbeit mit Underworld. Video: Underworld (Youtube)

Eigentlich müsste er sich diese Shows ja nicht mehr antun. Denn in Florida verbringt Iggy Pop das gute Leben als weitherum geschätzter Alles-Überlebender der Rockgeschichte, der ab und an mit seiner brüchiger gewordenen Stimme Lyrics für Soundtracks oder die kommende EP der britischen Rave-Elektroniker Underworld singt. Aber wahrscheinlich fehlt ihm, dem Getriebenen, zu Hause schlicht die Gefahr, die er auf der Bühne sucht und findet – nicht nur in den sehr alten Songs wie «Gimme Danger», sondern auch als Performer. Jene, die ihm zu nahe kommen und es gar auf die Bühne schaffen, weist er nicht schroff zurück (dafür hat es ja Bühnenarbeiter), sondern er tanzt weiter. Als sei dies hier ein einziges Happening.

Ob sich Iggy Pop bei seinem Sturz etwas ausgerenkt hat, war jedenfalls nicht zu sehen. Gut sichtbar war am Schluss des Konzertes aber, dass ihm ein Schneidezahn abhandengekommen ist. «I lost my tooth, enchanté!», sagte Iggy Pop zum Abschied. Er musste herzlich lachen – auch über sich.

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