Rap für den Moment

Viele Rapper brüsten sich mit kopflastigen Texten und wollen die politischen Probleme der Welt zu lösen. Beim Solothurner Youtube-Wunder Pronto ist das etwas anders. Und das ist gut so.

Das Gefühl und die richtige Form sind alles: Rapper Pronto (24).

Das Gefühl und die richtige Form sind alles: Rapper Pronto (24).

(Bild: zvg)

Solothurn liegt fernab der Epizentren der Rap-Welt. Doch genau aus dieser beschaulichen Kleinstadt kommt der spannendste Rap-Newcomer des Landes. Sein vor knapp einem Jahr in Eigenregie veröffentlichter erster Videoclip «Clean» wurde auf Youtube bis Mittwoch sagen­hafte 978'600-mal angeschaut.

Blonde Dreadlocks, Accessoires von Gucci und Vuitton und eine Ausstrahlung, die cooler ist als der Wind, der im November über die heimischen Jurahöhen zischt: Pronto feiert im Clip mit seiner Clique nicht etwa in der Provinz, sondern in Mailand. Er sagt: «Das ist unser Lifestyle. Wenn ich nicht auf einer Bühne stehe, bin ich mit den Jungs Wochenende für Wochenende unterwegs und lebe den Moment!»

Alle sind sie also da, die oberflächlichen und bestens bekannten Rap-Klischees. Akzentuierter als jeder Schweizer Rapper vor ihm stellt sie Pronto zur Schau. Auch deshalb polarisiert der Mann, schon bevor morgen Freitag seine erste EP beim Major-Label Universal erscheint, über Landes- und Sprachgrenzen hin­aus. Support kommt von den Mi­grantenkids im Solothurner Imbisslokal genauso wie vom deutschen Superstar Haftbefehl.

«Habe nichts mit denen zu tun»

Im Gefüge der helvetischen Rap-Szenerie dagegen ist Pronto ein Fremdkörper. «Ich respektiere die Kollegen, aber ich habe nichts mit ihnen zu tun», sagt er. Diese scheinbare Überheblichkeit ist in Wirklichkeit der unbedingte Wille, es zu schaffen. «Ich will der sein, der den Kids zeigt, dass jeder etwas aus sich machen kann», sagt der 24-Jährige.

Pronto schreibt seine Texte nicht auf. Er lässt seinen Emotionen auf den selbst produzierten Instrumentals freien Lauf. Seit frühester Kindheit präsente afrikanische Rhythmen treffen auf modernsten Trap. Die Stimme ist im heimischen Studio selbst aufgenommen und teils ins Un­erkenntliche verfremdet.

Über Reimschemen macht sich der Rapper keine Gedanken. Er ­murmelt vor sich hin und macht die Worte passend. Inhalte sind zweitrangig, das Gefühl für den Moment und die richtige Form sind alles. Was zuerst oberflächlich scheint, bietet, wenn man sich näher damit befasst, einen Einblick in die Seele eines jungen Mannes mit einer unglaublichen Tiefe.

Pronto:«Solo di nero», Universal, erscheint am Freitag.

Berner Zeitung

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