Die Ohrwurmkur

Lo & Leduc haben den erfolgreichsten Schweizer Song seit der Erfindung der Hitparade geschrieben. «079» ist ein hartnäckiger Ohrwurm. Wie bringt man den Song wieder aus den Gehörgängen?

Duo Ohrwurm: Lo&Leduc stehen mit «079» seit zwölf Wochen an der Spitze der Schweizer Singlecharts.


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Irgendwann nervt alles. Klar, die Berner Lo & Leduc haben alles richtig gemacht bei ihrem Überhit «079». Toller Text, tolle Musik, ein Refrain, der hängen bleibt. Beim Auftritt an der Meisterfeier im Wankdorf sangen ihn Zehntausende mit. Er ist im Radio. Immer.

Und in der Hitparade hält er sich hartnäckig auf Platz 1. Er hat längst «Grüezi wohl, Frau Stirni­maa!» von The Minstrels und «Chihuahua» von DJ Bobo abgelöst. Die beiden Songs waren 1969 respektive 2003 jeweils zehn Wochen an der Spitze. «079» hat bereits zwölf Wochen geschafft.

Gut und recht, herzliche Gratulation, nur: Der Song bleibt ganz schön hartnäckig hängen. Wer in einem Grossraumbüro arbeitet, kann ein Lied davon singen: Irgendjemand trällert sicher immer «079 het sie gseit», und es ist ansteckend. Das Problem wird grösser, je öfter man darüber spricht.

Nervig oder nur hartnäckig? Am Ende des Texts finden Sie die grössten Berner Ohrwürmer.

Je dünner die Hirnrinde, desto häufiger die Ohrwürmer

Wie zum Henker also bringt man den Song wieder aus dem Kopf, wie kappt man die wild gewordenen Synapsen, die einen immer an den einen Song denken lassen? Wissenschafter haben sich schon ausgiebig Gedanken dazu gemacht.

Neuroanatomen haben herausgefunden, dass besonders hart von Ohrwürmern befallene Menschen Gehirne mit besonderen Merkmalen haben: Je häufiger jemand Ohrwürmer erlebt, desto dünner ist die Hirnrinde in zwei wichtigen Hörregion des Gehirns, «der rechten heschlschen Querwindung und der rechten unteren Stirnwindung», wie das deutsche Magazin «Geo» schreibt.

Diese Stirnwindung ist unter anderem dafür verantwortlich, Musikempfindungen zu unterdrücken. Die zitierte Studie benennt auch ein Gegenmittel: Wer, wenn sich der Ohrwurm wieder meldet, Kaugummi kaue, könne ihn unterdrücken.

Was sicher nichts bringt, ist der Versuch, sich abzulenken. Die Psychologen Philip Beaman und Tim Williams von der britischen University of Reading kamen in einer Studie zum Schluss, dass ein Ohrwurm doppelt so schnell wieder verschwindet, wenn man sich nicht weiter um ihn kümmert. Wer sich hingegen aktiv abzulenken versuche, habe schlechtere Karten.

Weit verbreitet ist der Tipp: Den ganzen Song von Anfang bis zum Schluss anhören. Er basiert auf der Annahme, dass das Unterbewusstsein dauernd versucht sei, ein eingängiges Songfragment zu vervollständigen. Für Musikwissenschafter Jan Hemming von der Universität Kassel ist das ein Mythos. «Aus unseren Erfahrungen hilft es nur, sich ganz andere Musik anzuhören oder sich eine andere Melodie vorzustellen», sagt er gegenüber dem Netzportal N-tv.de.

Ein wirkungsvolles Mittel gegen Ohrwürmer hat US-Psychologe Ira Hyman von der ­Western Washington University herausgefunden. Bei einfachen Tätigkeiten, also wenn das Gehirn zu wenig gefordert ist, laufe einem am ehesten ein Song nach. Am erfolgversprechendsten sei eine mittelmässig fordernde Tätigkeit wie etwa das Lösen eines Sudoku-Rätsels.

«Wir interpretieren den Song neu, sobald er nervt»

Wie gehen Lo & Leduc selber mit dem Ohrwurm um? «Der Punkt wird kommen, an dem uns der Song nervt», sagt Leduc, einer der beiden Sänger der Band. «Dann ist es am besten, wenn wir ihn mit der Liveband neu interpretieren, also anders spielen, damit wir wieder Freude daran haben.»

Die grösste Herausforderung sei aber, damit klarzukommen, dass man auf einen Hit reduziert werde. «Primär sind wir aber froh, dass ‹Jung verdammt› abgelöst wurde.» Ein anderer Superhit des Duos mit dem Refrain «U i ha gmeint, de Tüfu chäm im Füür und nid im rote Chleid».

Das Phänomen Ohrwurm kennt Leduc bestens. Ihm läuft seit Jahren hartnäckig der Bläsersatz aus «El Cuarto de Tula» vom Buena Vista Social Club nach. «Aber ehrlich: Ich liebe den Song immer noch.» Für ihn hat der Ohrwurm zu Unrecht ein negatives Image. «Wenn einem ein Song nachläuft, hat man ihn einverleibt, und das ist doch eigentlich etwas Schönes.»

Sollte es doch einmal nerven, hat er den Tipp eines Musikerkollegen (und Ohrwurmproduzenten) parat: «Ich glaube, es war Büne Huber, der mir mal geraten hat: Denk an den Anfang von ‹The Final Countdown› von Europe». Das sei der schlimmste Ohrwurm aller Zeiten – und löse jeden anderen ab.

Dumm nur, wenn einem der eigene Song nachläuft. Auch das passiert Leduc schon mal. «Wenn ich laut ‹All die Büecher› vor mich hin pfeife und mir dessen plötzlich bewusst werde, ist mir das schon sehr peinlich.» Er versucht dann, die Kurve zu kriegen und die Melodie abzuändern, damit es niemand merkt.

Die grössten Berner Ohrwürmer aller Zeiten:

1. Patent Ochsner: «W. Nuss vo Bümpliz»

2. Polo Hofer & Die Schmetterband: «Alperose»

3. Züri West: «I schänke dr mis Härz»

4. Rumpelstilz: «Kiosk»

5. Lo & Leduc: «079»

6. Span: «Louenesee»

7. Polo Hofer: «Wyssebüehl»

8. Gölä: «Schwan»

9. Mani Matter: «Dr Eskimo»

10. Peter Reber: «Jede bruucht sy Insel»

Welcher ist der grösste, beste, hartnäckigste Berner Ohrwurm aller Zeiten? Eine Umfrage auf der Redaktion dieser Zeitung hat ergeben, dass die «W.Nuss» am schwierigsten aus dem Ohr zu bekommen ist. Am Schluss setzte sich die Patent-Ochsner-Hymne knapp vor Polo Hofers «Alperose» an die Spitze der selbstverständlich nicht repräsentativen Hitliste.

Nun sind Sie gefragt: Welches Berner Lied bleibt Ihnen im Ohr? Und welche Erinnerungen verbinden Sie damit? Schreiben Sie uns eine E-Mail an redaktion@bernerzeitung.ch (Betreff: Ohrwurm) und erzählen Sie. Eine Auswahl der Antworten werden wir auf einer «Forum»-Seite publizieren. Bitte vergessen Sie nicht, Ihren vollständigen Namen und Ihren Wohnort anzugeben. Vielen Dank fürs Mitmachen!

(Berner Zeitung)

Erstellt: 08.06.2018, 16:48 Uhr

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