Die Musik als Zeichen der Hoffnung

Wohlen

Junge Musiker aus dem Westjordanland weilen diese Woche im Rahmen eines Austauschs mit dem Singkreis in Wohlen. Sie geniessen die Gastfreundschaft und die Bewegungsfreiheit. In ihrer Heimat geht vieles nur über Umwege.

Kleines Ständchen auf dem Balkon: Oboistin Hikmat Qaymari und Geigenspieler Serry Ezbidi aus dem Westjordanland bei ihren Gastgebern Christiane und Johannes Schittny in Hinterkappelen.

Kleines Ständchen auf dem Balkon: Oboistin Hikmat Qaymari und Geigenspieler Serry Ezbidi aus dem Westjordanland bei ihren Gastgebern Christiane und Johannes Schittny in Hinterkappelen.

(Bild: Urs Baumann)

Hans Ulrich Schaad

Die jungen Palästinenser, die am Stubentisch bei der Familie Schittny in Hinterkappelen sitzen, sind erst zwei Tage in der Schweiz. Aber sie geraten bereits ins Schwärmen. «Die Landschaft ist wunderschön, und wir wurden herzlich empfangen», sagt die ­20-jährige Hikmat Qaymari. Die Gastfreundschaft und die vielen Berge haben es Serry Ezbidi an­getan.

Ebenfalls musikalisch sind die Oboistin und der Geigenspieler begeistert. «Das Konzert in Genf war eines der besten, die wir je hatten», blickt Qaymari auf den Auftritt am Dienstag zurück. Zusammen mit dem Chor des Singkreises Wohlen führte das Orchester des Konservatoriums Edward Said aus dem Westjordanland das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach auf. Heute und morgen folgen Vorstellungen in Wohlen (siehe Kasten).

Frei atmen

Die Verständigung mit den Gästen ist problemlos. Alle sprechen gut Englisch oder sogar Deutsch wie Serry Ezbidi, dessen Mutter aus Deutschland stammt. Ein wichtiges Ausdrucksmittel ist für alle die Musik. «Sie ist eine Botschaft – für unsere Hoffnung auf Frieden und Freiheit», sagt Qaymari. Damit wollen sie die Leute erreichen. Die Spannungen in der Region seien im Moment sehr gross. Wenn man auf der Strasse unterwegs sei, wisse man nie, ob plötzlich Schüsse fallen würden, erklärt die junge Frau.

Der Besuch in der Schweiz sei für sie ein spezielles Gefühl, sich frei bewegen und atmen zu können, erzählt Zeina Khoury, die Managerin des Orchesters. Keine Mauern, keine Checkpoints. So habe die Gruppe für den Auftritt in Genf den kürzesten Weg genommen. Bei Konzerten in der Heimat brauchen Mitglieder des Orchesters spezielle Bewilligungen, je nach Auftrittsort. Die Wohlener durften bei ihrem Aufenthalt stets den schnellsten Weg nehmen, blickt Christiane Schittny, die zusammen mit ihrem Mann Johannes den Austausch mitorganisiert hat, zurück.

Nur dank Stipendium

Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit zeigte sich auch bei der Reise nach Wohlen. Gut die Hälfte der Gruppe durfte über Tel Aviv ausreisen. Die anderen mussten den beschwerlichen Weg über die jordanische Hauptstadt Amman nehmen und waren fast einen ganzen Tag lang mit Bus und Flugzeug unterwegs. Zu ihnen gehörte Serry Ezbidi, obwohl er auch den deutschen Pass besitzt. Er hatte bereits Probleme, für das Konzert mit dem Singkreis Wohlen nach Jerusalem zu fahren. Erst mit diplomatischer Unterstützung aus der Schweiz und aus Deutschland gelang dies im letzten Moment.

Das Konservatorium Edward Said ist die grösste und wichtigste Musikschule in Palästina. Das Studium ist relativ teuer. Die Studierenden sind auf Stipendien angewiesen. So werden künftig sowohl der Singkreis Wohlen als auch die Einwohnergemeinde das Konservatorium über Schulgeldstipendien und einem geplanten Austausch von Musikern unterstützen.

«Wir haben das Glück, dass wir Musik machen dürfen», sagt Hikmat Qaymari, die Profimusikerin werden möchte. Als Lehrerin und als Mitglied eines festen Orchesters. «In Palästina», betont sie. Neben der klassischen Musik liegt ein Schwerpunkt bei der ­traditionellen palästinensischen respektive orientalischen Musik. Dabei tanzt und singt sie auch. «Es wird viel improvisiert.» Dazu, sich weiterzuentwickeln, seien solche Auslandaufenthalte sehr wichtig, sagt die Oboistin. Viele der mitgereisten Musiker haben Auslanderfahrungen und waren in Europa oder dem arabischen Raum unterwegs.

Am Sonntag reist das palästinensische Orchester zurück mit vielen Erinnerungen im Gepäck. «Wir werden Freunde bleiben», sagt Serry Ezbidi, und Johannes Schittny fügt an: «Die musikalische Zusammenarbeit soll weitergehen.» Es gebe zwar einige Ansätze, aber noch sei nichts konkret.

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