Die Mundart auf den Punk gebracht

Was lange währt, wird endlich gut: Seit 2005 lagerten die Songs in einer Schublade, am Freitag tauft Gitarrist Mario Capitanio sein Mundartalbum «Capitanio» in Bern. «Es geht ab wie die Sau», verspricht er.

Flirtet mit der Altersmilde: Der Berner Musiker Mario Capitanio (53).

Flirtet mit der Altersmilde: Der Berner Musiker Mario Capitanio (53). Bild: zvg

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«Manchmal bin ich gelangweilt von mir selber», meint Mario Capitanio mit ernster Miene. Und lacht los. Der Routinier weiss, worüber er witzelt. Seit dreissig Jahren ist er in der Szene. Wenn auf Facebook oder sonst wo eine Umfrage nach dem besten Berner Rock­gitarristen gestartet wird, schwimmt er regelmässig obenauf.

«Zu Unrecht», kommentiert er mit gerunzelter Stirn. Und lacht wieder. Schliesslich wiederhole er sich ja auch, und es gebe jede Menge Konkurrenz. Zum Beispiel Sam Siegenthaler, der in Capitanios neuer Band dabei ist. «Seit ich Sämi kenne, begnüge ich mich meist mit der Rhythmusgitarre, denn er spielt allen um die Ohren», sagt sein Arbeitgeber und grinst.

Punkige Gelassenheit

Wenns sein muss, ist es Mario Capitanio, der den andern um die Ohren spielt. «Ich muss gar nichts mehr», kontert der 53- jährige Schirmmützenträger mit dem Schalk des ewigen Laus­buben. «Gelassenheit ist eingekehrt.» Das würde man dem Sideman, der mit Polo Hofer, Florian Ast und vielen andern unterwegs war, gern glauben. Doch wer Capitanios Solodebüt mit eigenen Songs (1994 veröffentlichte er die Hommage «Vo Jimi bis Hendrix») auflegt, kommt ins Zweifeln.

Hier brettert und punkt es, schnell und deftig. Das Adrenalin schlägt Purzelbäume, kein Song kratzt die Vierminutengrenze. Juveniler Powerpop kracht aus den Boxen, während Capitanio seine berndeutschen Texte über dreibeinige Hunde, eifersüchtige Vögel und unerreichbare Schönheiten ins Mikro schmettert. Diese frische Wucht passt nicht so recht zur Altersmilde, mit der der Capitanio, der vor einem sitzt, flirtet.

Doch der Widerspruch ist nur scheinbar. Das Gros der Songs auf «Capitanio» wurde bereits 2005 eingespielt, unter dem Einfluss von Iggy Pop und den Gitarrenbands der Zeit. Dann rief Polo, die Aufnahmen wurden in einer Schublade versorgt. «Mich plagten Selbstzweifel», sagt Capitanio. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das jemanden interessiert.»

Erfreulicher Testlauf

Dabei schliessen diese kurzen, knackigen Popsongs eigentlich eine Marktlücke im Berner Mundartrock. Gas geben, Spass haben: Das ist sonst nicht die Kernbotschaft hiesigen Liedguts. Zwar liefert Capitanio die eine oder andere anschmiegsame Radioballade und hofft mit seinen Adaptionen von den Bangles («Ägypter») und Bo Diddley («Frou Friedli») auf den Wiedererkennungseffekt. Doch meist rockt es hier fadengerad und selbstironisch.

Er stehe heute an einem anderen Punkt im Leben als bei den Aufnahmen von 2005, räumt der Songschreiber ein. Doch nun freut er sich, diese mit seiner eigenen Band in neuer Frische zu interpretieren. «Es geht ab wie die Sau», verspricht er. Ein erster Testlauf sei erfreulich ­verlaufen. Besonders gefreut hat Mario Capitanio das Statement einer Berliner Touristin, das er genüsslich zitiert: «So was braucht diese Stadt!»

Capitanio: «Capitanio» (Niro Sounds Edition). Albumtaufe:heute, 22 Uhr, Restaurant Du Nord, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.05.2017, 10:56 Uhr

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