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«Die Leute drehten regelrecht durch»

Die Schweizer Band Coroner spielt nach 15 Jahren erstmals wieder in Zürich. Die Metal-Pioniere über ihr Comeback, jüngere Bands – und weshalb es an Metal-Konzerten wenig Frauen hat.

Mögt ihr die Sex Pistols?Tommy Vetterli: Warum? Was die Motivation angeht, seid ihr so ehrlich wie es sonst nur die Sex Pistols bei ihrer Reunion waren: Es geht ums Geld.Vetterli: So absolut würde ich das nicht sagen. Aber klar, wir mussten einen gewissen Betrag auf sicher haben, damit wir das Ganze angegangen sind. Aber es gab auch andere Gründe. Marky Edelmann: …also bei mir war es hauptsächlich die Kohle. (lacht) Aber im Ernst, wir haben kein schlechtes Gewissen: Früher haben wir quasi kein Geld verdient – wir wurden abgezockt, schlecht promotet, es war eine andere Zeit. Wenn wir heute anständig bezahlt werden, schäme ich mich nicht dafür. Ron Broder: Für mich gab es noch etwas anderes: Wie klingt unser Sound 20 Jahre später? Können wir das noch? Das fand ich spannend. Vetterli: Es war auch faszinierend, wie massiv das Interesse an uns auf Facebook und Youtube war. Edelmann: Erst durch das Internet haben wir erfahren, welchen Stellenwert wir besitzen. Wenn mexikanische Kids unsere Songs spielen und das ins Netz stellen, berührt mich das. Viele Leute haben uns nie live spielen sehen. Andere möchten das gern nochmals. An eure Konzerte kommen Leute, die euch seit den 80ern verfolgen. Sind Metal-Fans extrem loyal oder einfach extrem konservativ?Vetterli: Wahrscheinlich beides. Edelmann: Das denke ich auch. Viele Fans in der Metal-Szene lassen sich die Motive ihrer Lieblingsbands sogar als Tattoo stechen. Suchen Sie das mal in der Techno-Szene. In Metal-Kreisen galtet ihr immer als «arty», auch inhaltlich habt ihr euch von Klischees distanziert. Habt ihr euch mit der Szene versöhnt?Edelmann: Ja. Aber ohne die Veränderung, die die Szene in den Neunzigern durchlaufen hat, wäre das nicht geschehen. Man muss sich weiterentwickeln, muss Abschied nehmen. Ich fühle mich jetzt wieder sehr wohl, treffe alte Kumpels oder Kids, die aussehen wie wir mit 16 oder 17. Die Szene ist heute sehr lebendig. Warum war es damals keine Option weiterzumachen?Vetterli: Nach 12 Jahren hatten wir einfach Bock, etwas anderes zu machen. Ich wollte zum Beispiel mit melodischem Gesang arbeiten. War das mit Coroner nicht möglich?Vetterli: Vielleicht. Aber als Musiker ist es wichtig, mit verschiedenen Leuten zu spielen. Unsere Konstellation hat gut funktioniert, aber sie war eingeschränkt. Dieses Gefühl hatten wir alle: Wir hatten keinen Streit, einfach Lust auf Neues. Wir haben auch gut aufgehört – auf dem Peak des Erfolgs. Ron: Ich war damals nicht einverstanden, einfach so aufzuhören. Vetterli:Ach ja? Jetzt kommt es doch noch aus...! (lacht) Ron: Ich war am Schluss überfordert. Obwohl ich der Frontmann der Band war, waren mir die anderen beiden voraus. Ich fand es überstürzt. Heute sehe ich, dass es ein guter Entscheid war. Edelmann: Man muss auch sehen, dass wir eine Entwicklung hingelegt hatten. Das letzte Album war das Maximum, was man unter dem Namen Coroner machen konnte. Mit dem Split habt ihr immerhin verhindert, dass ihr eure eigene Legende zerstört.Edelmann:Exakt. Das können wir jetzt nachholen. Und? Ruf schon ruiniert?Vetterli: Bis jetzt nicht. Aber ich hatte effektiv Angst davor, dass die Leute sich abwenden und Bier trinken gehen, wenn wir spielen. So nach dem Motto: Es ist schon nicht mehr wie früher. Zum Glück waren unsere Konzerte wirklich gut. Beim ersten Gig in Lausanne herrschte eine unglaubliche Stimmung, die Leute drehten regelrecht durch – und wir hatten schon vor dem ersten Ton unser gesamtes Merchandise verkauft. Edelmann: Dabei hatten wir echte Zweifel, ob wir dieses technische Zeugs hinkriegen. Worin liegt der Reiz, so anspruchsvoll zu spielen? Ist es Sportgeist?Vetterli: Im Gegenteil. Unsere erste Platte war die technischste, danach wurden Groove, Atmosphäre und Aussagekraft wichtiger. Wären wir wie Sportler, hätte sich das gegenteilig entwickelt. Am Ende habt ihr ziemlich abgedrehten Sound gemacht. Welche Rolle haben Drogen dabei gespielt?Edelmann:Wir waren immer eine Band, die sich klar gegen Drogen ausgesprochen hat. (schmunzelt) Ron:Nein, Drogen sind nicht gut. Welches war euer grösster Rockstar-Moment?

Ron: Mitte Juni dieses Jahr haben wir am Hellfest in Frankreich vor 30'000 Leuten als Headliner gespielt. Ein leichtes Rockstar-Gefühl konnte man da nicht unterdrücken. Hättet ihr damals weitergemacht, könntet ihr heute regelmässig Stadions füllen.Edelmann:Das glaube ich nicht. Es ist ein Wunder, dass wir mit unserer Musik so weit gekommen sind. Wir waren irgendwie zwischen den Stühlen. Obwohl wir als unterbewertete Band gelten, bin ich heute noch begeistert, dass wir aus Zürich rausgekommen sind. Vetterli: Wir haben nie Kompromisse gemacht. Darauf bin ich stolz. Wir haben uns nie angebiedert und hatten trotzdem in einem gewissen Rahmen Erfolg. Wäre nicht mehr möglich gewesen? Eine Band wie Tool spielt auch komplexe Musik – und hat es bis auf Platz 1 der US-Charts geschafft.Edelmann: Stimmt. Aber es spielen halt viele Faktoren mit: Band, Management, Umfeld – da muss alles ineinandergreifen. Vetterli: Viele denken, wir seien damals unserer Zeit voraus gewesen. Dafür passt es jetzt. Woher kommt dieses Selbstbewusstsein? Schweizer Musik ist ja nicht unbedingt für ihren Mut bekannt.Vetterli: Heute vielleicht nicht mehr. Ich erhalte Demos von Bands, die sehen aus wie Green Day, klingen wie sie. Aber die Schweiz hatte innovative Bands: Yello, Celtic Frost, die Young Gods. Es ist schade, dass viele junge Musiker nur Amis kopieren. Apropos Celtic Frost: Ihr galtet als Zöglinge von Tom Fischer und Co. Wie ist euer Verhältnis heute?Edelmann:Sehr gut. Wir haben uns kürzlich an Festivals gesehen, wo Tom mit seiner Band Tryptikon spielte. Das war sehr herzlich. Vetterli:Martin Ain (Bassist und Karaoke from Hell-Host – Red.) sehe ich heute noch oft. Das Bild auf der Rückseite unseres Albums «R.I.P.» wurde in seinem legendären schwarzen Raum fotografiert, der nur durch eine Geheimtüre in seiner Wohnung zugänglich war. Edelmann:Mir gefällt auch, was Tom heute macht. Die konsequente Weiterführung von Celtic Frost. Und die konsequente Weiterführung eurer Reunion? Ein Album?Vetterli:Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht übermütig werden. Das war genau der Punkt, wo wir uns einig waren: Mal locker anfangen, dann schauen. Alle schreien schon wieder nach einem neuen Album, aber das ist heikel. Wenn, dann machen wir mal ein, zwei neue Songs und schauen. Edelmann: Wir haben auch Jobs, es wäre zeitlich ein Problem. Für eine neu eingespielte Best of dürfte es wohl reichen.Edelmann:Wir konzentrieren uns jetzt mal auf die Gigs und auf Orte, an denen wir noch nie gespielt haben. Südamerika etwa, wo es eine riesige Szene gibt. Ich finde es cool, ein bisschen zu geniessen. Dafür gab es früher nie Raum. Warum gibt es eigentlich so wenig Frauen an Metal-Konzerten?Edelmann: Das fragen wir uns schon seit 1986.

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