«Die Bands geben uns Bestnoten»

Kritik ist beim Gurtenfestival so sicher wie das Amen in der Kirche. Im Interview spricht Programmchef Philippe Cornu über die Nörgler, seinen Werdegang, seine neue Agentur – und er macht sich für eine Eventhalle in Bern stark.

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Markus Ehinger@ehiBE

Das 33. Gurtenfestival ist Geschichte. Was waren Ihre Highlights der diesjährigen Ausgabe?
Philippe Cornu: Nebst einem grossartigen Set von Muse fand ich von den Bands, die ich gesehen habe, folgende Konzerte herausragend: Passenger, Travis, Bastille, John Newman, James Bay, Rudimental und Half Moon Run. Wenn diese Band dranbleibt, wird sie die neuen Pink Floyd des 21. Jahrhunderts!

Man sagt, es spiele keine Rolle, wer auf dem Gurten spielt – die Leute kommen sowieso. Geht Ihnen die Kritik eigentlich nahe?
Grundsätzlich finde ich konstruktive Kritik sehr angebracht und hilfreich. Aber das Jammern und Nörgeln geht mir langsam auf den Sack. Man kann zum Beispiel gegen die Tour de France sagen, was man will, aber die Bilder von Bern, welche um die Welt gingen, diese Bilder der schönsten Stadt der Welt haben auch mich wieder berührt. Es ist doch super, dass wir das erleben konnten, auch wenn einige dieser Werbefahrzeuge etwas fragwürdig waren.

Beim Gurtenfestival ist Kritik so sicher wie das Amen in der Kirche.
Das Gurtenfestival gilt als eines der stimmungsvollsten und saubersten Festivals Europas. Für viele Bernerinnen und Berner sind es die vier schönsten Tage im Jahr. Und es steckt viel, sehr viel Arbeit dahinter. Und viel Herzblut. Mir tut es immer wieder leid, wenn unsere 1500 Helferinnen und Helfer, welche sich auf dem Gurten regelrecht den A... aufgerissen haben, aber auch das begeisterte Publikum dann in der Zeitung lesen müssen, dass die vier schönsten Tage im Jahr eigentlich scheisse waren. Daher gilt für mich nach wie vor: Halten wir uns an das, was wir selbst erlebt haben, und lassen uns das nicht vermiesen oder schlechtreden! Aber zugegeben, manchmal braucht es eine Extraportion Selbstvertrauen und Energie, sich nicht kleinkriegen zu lassen.

Sie sind ein Musikprofi. Wie waren Ihre musikalischen Anfänge?
Ich bin in der Waldau aufgewachsen, mein Vater war Psychiater, und wir wohnten mitten in der Klinik im Hauptgebäude. In der relativ nahen Festhalle sah ich vor rund 40 Jahren 1973 mit 14 Jahren die Rolling Stones, ein Jahr später Frank Zappa und Deep Purple, im 1975 dann Genesis mit Peter Gabriel, 1978 Status Quo und Jethro Tull, 1979 AC/DC supported by Judas Priest, 1981 Police und viele mehr. Das Stones-Konzert von 1973 war für mich das Initialerlebnis – die Intensität dieses Kollektiverlebnisses hat mich umgehauen, mir wurde bewusst, dass ich meinen Weg mit der Musik gehen wollte.

Wie haben Sie das geschafft?
Den Einstieg machte ich in einer Schallplattenvertriebsfi rma. Ab und zu half ich im Discomarkt in Thun aus. Vor 35 Jahren habe ich mit einem Freund das Geschäft übernommen und in ZIG ZAG Records umgetauft. Wir wurden schliesslich der Kultladen für das ganze Berner Oberland. Der Shop existiert immer noch und wird nun vom ehemaligen Geschäftsführer Walter Bartlome auf eigene Rechnung geführt.

Das genügte Ihnen aber offenbar nicht.
Stimmt, wir begannen dann auch Konzerte zu organisieren, nach dem Motto: Die Provinz bringt’s! 1986 starteten wir mit dem Open Air Thun, unter anderem mit Züri West. Wir steckten unser ganzes Geld in den Anlass und waren entsprechend nervös.

Das Open Air war ein Erfolg.
Ja, zum Glück! Wir machten weiter und arbeiteten schliesslich mit der Konzertagentur Music Service zusammen, die unter anderem Polo Hofer managte. Als Adi Weiss von Music Service 1990 von der Stadt Bern den Zuschlag erhielt, das Gurtenfestival nach vier Jahren Pause weiterzuführen, holte er mich für das Booking und das Sponsoring an Bord. 1991 fand dann das erste Gurtenfestival der «next generation» statt. Damals stand die Hauptbühne noch in einem Zelt.

Das Gurtenfestival organisierten Sie 17 Jahre lang mit Appalooza. Dort sind Sie aber im letzten Jahr ausgestiegen.
Ja, aber mit der neuen Bookingagentur wildpony bin ich zusammen mit Pascal Rötheli weiterhin für das Programm des Gurtenfestivals verantwortlich. Beim Bierhübeli und beim Gurtenfestival stecken viel Herzblut und eine lange Geschichte drin. Es ist uns sehr wichtig, dass der Geist, mit dem wir angefangen haben, weiterbesteht; für die Sache. Das Engagement und die Leidenschaft sind ungebrochen und die Zusammenarbeit läuft sehr gut.

Was zeichnet denn heute ein gutes Festival aus?
Am wichtigsten scheint mir die Frage, warum und für wen man ein Festival organisiert. Das Gurtenfestival entstand 1977 aus der Leidenschaft für die Folkmusik. Die Liebe zur Musik ist auch 2016 immer noch der Antrieb und die Kraft des Events. Natürlich braucht es auch die kommerzielle Seite, ohne Sponsoren wäre ein Festival dieser Grösse nicht mehr denkbar, zu hoch sind die Ansprüche an Sicherheit, Technik und Infrastruktur geworden, um dies aus den Ticketing- Einnahmen stemmen zu können. Eine weiterer wichtiger Faktor ist die Glaubwürdigkeit. Das Publikum muss sich darauf verlassen können, dass in jeder Hinsicht Qualität geboten wird. Sei es in Bezug auf das Musikprogramm, auf Essen und Trinken, die Infrastruktur, die Dekoration, die Soundqualität, die Freundlichkeit der Crew etc., etc. Nur wer Schönes erlebt hat, kommt mit Freude wieder. Daher frage ich mich, ob denn die Nörgler wirklich am Festival waren. Von Bandseite kriegen wir ausnahmslos die Bestnote. Ein Statement vom Tourmanager von Rudimental steht sinnbildich für alle Feedbacks, die wir erhalten haben: «I cannot express how much fun we had today, from top to bottom, band to crew. The festival is beautiful and incredibly well run. I’m so sad to leave the site! Please can you let the artist liaison and whole production crew know our gratitude?»

Bis wann wollen Sie noch in diesem Business tätig sein?
Das ist eine gute Frage. Mein Job ist eine Herzensangelegenheit und meine Leidenschaft. Ich arbeite schon mein ganzes Leben lang mit und für die Musik. Anderseits wäre es natürlich auch schön, mehr Zeit für die Familie zu haben. Aber wie ich mich kenne, wird mir das Loslassen nicht leichtfallen. Kollegen von mir sind auch schon seit 30 oder 40 Jahren in Festivals involviert und machen den Job immer noch mit grosser Leidenschaft. Und gut! (lacht)

Braucht Bern eine grosse, neue Festhalle?
Davon bin ich fest überzeugt. Dem Raum Bern täte eine neue Eventhalle gut. Wir haben die Grundproblematik, dass in den Augen der ausländischen Managements Zürich die Hauptstadt ist – mit Hallenstadion, Medien, Plattenlabels, Flughafen. Dabei hätte Bern durchaus Vorteile, etwa mit dem Stade de Suisse für Stadionshows oder eben mit einer neuen Halle an zentraler Lage. Das war ja früher auch schon der Fall, als Sting, Simply Red oder Metallica in der Festhalle auftraten. Für heutige Produktionen ist die Infrastruktur jedoch veraltet. Wenn man die Halle in guten Dimensionen und mit moderner Technik baut, hat Bern sehr gute Chancen. Wir waren zum Beispiel gerade kürzlich an einer Band dran, die im Oktober hätte auftreten können – das Hallenstadion ist an diesen Tagen aber besetzt. Wenn wir in Bern eine Halle für 8000 Besucher zur Verfügung gehabt hätten, würde das Konzert jetzt hier stattfinden.

Bernerbär

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