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Deutschlands seltsamste Band

Ihre Musik wirkt wie ein Cocktail aus Bier, Valium und Speed. Deichkind veröffentlichen ein neues Album – absurder Trailer vorneweg.

Die Frage ist hier nicht: Drogen? Sondern: wie viele – und in welchem Verhältnis? Der Trailer zum neuen Album «Niveau Weshalb Warum» enthält die ganze Krud- und Verstrahltheit, die Deichkind zu Deutschlands seltsamster Band gemacht haben. Mit ihm setzen die fünf Hamburger clever das Rumoren der Fans in Gang, das bis zur Veröffentlichung im Januar anhalten wird.

Im Clip erkundigen sich imaginäre Deichkind-Anhänger, säuberlich gepflückt aus allen sozialen Klassen, wie sie denn an dieses tolle neue Album kommen könnten. Ihre Stimmen klingen verschoben-verschroben, dazu bedrohliches Synthie-Wabern, irgendwann setzt der Beat der am Donnerstag veröffentlichten Single «So ’ne Musik» ein – dumpf und hart.

Deichkind bestehen heute aus Beat-Komponist Philipp Grütering, DJ Henning Besser, Produzent Roland Knauf und den beiden Rappern Ferris Hilton (Ferris MC) und Sebastian Dürre. Sie entwickelten einen eigenartigen Elektropunk, der auf Zuhörer wirkt wie ein Cocktail aus Bier, Valium und Speed. Gestartet waren Deichkind als relativ konventionelle Hip-Hopper, die 2000 mit «Bon Voyage» sogar eine ziemlich erfolgreiche Single veröffentlichten. 2005 leitete die Single «Electric Super Dance Band» eine spektakuläre Metamorphose ein, eine konsequente Hinwendung zu prolligen Spielarten des Techno. Es folgte das Album «Aufstand im Schlaraffenland» mit der mittlerweile legendären Single «Remmidemmi», die eine Party der Hamburger Jeunesse dorée vertonte:

«Wir tanzen auf den Tischen, die Stimmung ist beschissen, Ich will nackt sein, im Pool kann man sich erfrischen, Die Boxen von deinem Vater nehm ich mit in die Sauna, Ich mach ein Aufguss mit der Hausbar – und dann dreh ich lautaaaa.»

Die einst asketische Rap-Combo klang nun krawallig und pompös, und so traten sie nun auch auf; ihre Shows gehören zu den aufwendigsten im deutschsprachigen Raum. Die Musiker performen als Litfasssäulen verkleidet, die «Bierdusche» ist nur eine von vielen grotesken Erfindungen, auf der Bühne wird schon mal ein komplettes Fitnessstudio installiert.

Dass Deichkind trotzdem ernst genommen werden, liegt an ihrer Begabung, zeitgenössische Nöte in prägnante Formeln zu fassen. In «Illegale Fans» etwa gehts um die Gratiskultur im Web, «Arbeit nervt» ist Systemkritik der plakativstmöglichen Art, mit «Ich habe eine Fahne» veräppelte die Band den trendigen Fussballnationalismus. «Ihr Hit ‹Leider geil› beschreitet einen seltenen Weg zwischen der skeptischen Anthropologie von Thomas Hobbes und der Dekonstruktion politischer Moralkeulen», erklärte voller Bewunderung Poptheoretiker und stellvertretender «Welt»-Chefredaktor Ulf Poschardt.

Vor fünf Jahren durchlebte die Band eine tiefe Zäsur, der Herztod ihres bloss 32-jährigen Produzenten Sebastian Hackert 2009 traf sie tief. Deichkind standen vor der Auflösung, entschieden sich dann aber fürs Weitermachen. «Das Leben änderte sich eh schon so krass ohne Sebi. Warum sollen wir den Rest jetzt auch noch selbst so ändern?!», sagte Grütering in einem Interview mit dem Magazin «Focus».

Seither mischen sich in die Party-Mucke durchaus auch melancholische Texte und Töne. Doch immer, wenn Gedankenschwere und Bierernst übermächtig zu werden drohen, besteigen Deichkind eilig ihr Gummiboot und schwappen darin über die Fans hinweg – mit schwabbelnden Bäuchen und total breit.

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