Der weisse Rabe

Der tibetische Freiheitskämpfer Loten Namling hat mit Berner Musikern ein Album eingespielt. Die Band Porok Karpo macht einnehmenden Rock mit tibetischem Gesang.

Holt tibetische Musik nach Europa – oder umgekehrt: Der Berner Exil-Tibeter und Musiker Loten Namling.

Holt tibetische Musik nach Europa – oder umgekehrt: Der Berner Exil-Tibeter und Musiker Loten Namling. Bild: Christian Pfander

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Er ist ein Meister im Geschichtenerzählen. Und vielleicht gehört es bei guten Geschichten dazu, dass man nie genau weiss, wie sehr sie der Wahrheit entsprechen und wie sehr sie der Fantasie entsprungen sind. Und vielleicht spielt es auch keine Rolle, solange die Geschichte gut ist.

Eine von Loten Namlings guten Geschichten geht so: «Ich ging in die Alpen, um über einen Namen für meine Band nachzudenken. Darin sind sich die Tibeter und die Schweizer ja sehr ähnlich, sie sind beide Bergvölker. Als ich Bergdohlen sah, erinnerte ich mich daran, wie ich als kleines Kind mit meinem Vater in die indischen Berge gegangen war. Und er mir die Bergdohlen gezeigt hatte und sagte: ‹Schau, diese Rabenvögel leben nur in den Bergen. Sie sind aus Tibet und sie sind so gross, dass sie die Berge überqueren können. Im Gegensatz zu uns, die wir nicht nach ­Tibet zurückkehren können.› In diesem Moment wusste ich, dass meine Band Porok Karpo heissen würde.»

Ungenauer Geburtstag

Porok Karpo bedeutet auf Tibetisch weisser Rabe. Und es ist der Bandname von Loten Namlings Combo, die tibetische Musik nach Europa bringt. Oder europäische Musik nach Tibet. Je nach Sichtweise.

Loten Namling lacht herzlich. Er steht mitten in einer Gasse in der Berner Altstadt. Eine imposante Erscheinung, gross, breit, selbstbewusst. An ihm gibt es kein Durchkommen. Namling lebt schon so lange in Bern, dass er erst nachzählen muss, wie viele Jahre es überhaupt sind, «fast dreissig», findet er dann. Überhaupt ist sein Zeitbegriff ein relativer. Auch den Geburtstag weiss er nur ungefähr, «aber ganz sicher das Jahr 1963».

«Als Tibeter soll man kein weisser Rabe sein, also nicht auffallen. Man soll sich nicht nur gut, sondern extragut benehmen. Aber warum denn eigentlich?»Loten Namling

Seine Kindheit verbrachte er im indischen Dharamsala, zwei Berge von der tibetischen Heimat entfernt, die er nie betreten durfte. Später verschlug es ihn nach Europa, in die Schweiz, er wurde Vater, lebt heute im beschaulichen Kehrsatz. Seit langem engagiert er sich für den tibetischen Freiheitskampf, ist Mitglied der hiesigen Exilgemeinde, war vor wenigen Jahren Protagonist im Dokumentarfilm «Tibetan Warrior».

Auftritte für den Dalai Lama

Aber eigentlich war er immer in erster Linie Musiker. Er ist mit seiner tibetischen Laute über 30 Mal für den Dalai Lama aufgetreten. Und mit den Jahren reifte in ihm die Idee, die tibetischen Lieder in neuem Kostüm nach Europa zu bringen. «Diese Lieder muss man sich eher wie Schlager vorstellen, wie süsslichen Pop», sagt Namling. Er fragte beim Dalai Lama um den Segen – und der wurde ihm gegeben, wie der Tibeter beiläufig erzählt.

Und dann scharte er einige interessante Berner Musiker um sich. Zum Beispiel Bassist Philipp Moll, Schlagzeuger Muso Stamm, Pianist Mik Keusen und vor allem Gitarrist Patrick Lerjen. Er war Loten Namlings erster Verbündeter, unterlegte die traditionellen Lieder, die ihm Namling ge­geben hatte, mit einnehmendem und eingängigem alternativem Rock. Ein Teppich, der doch nie langweilig wird, dafür sorgt schon nur der exotische, eindringliche und trotzdem harmonische Gesang von Loten Namling. «Ich habe sehr bewusst rein profes­sionelle Musiker in meine Band ­genommen, und nicht Laienmusiker oder Musiker mit Tibet-Affinität», sagt der Bandleader.

Via Wechat Songs verbreitet

Lieder wie «This Is How It Is» oder «Khoryu Koepa» sind in Tibet aufgrund ihrer kulturellen Herkunft zu gewagt. Und trotzdem hat sich in den letzten beiden Jahren, in denen Porok Karpo europaweit auf Tour waren, ein erstaunliches Phänomen entwickelt: Die Neuinterpretationen von Porok Karpo wurden in Tibet über Wechat weiterverbreitet und immer populärer. Die fortschreitende Digitalisierung ermöglicht den Tibetern in Tibet trotz chinesischer Firewall, mit ihren Landsleuten ausserhalb Tibets Kontakte zu knüpfen.

Porok Karpo – «This Is How It Is». Quelle: Youtube/Loten Namling

Loten plant als Nächstes eine Konzerttournee in Indien, wo sich die grösste Exilgemeinschaft befindet. Doch sein grösster Lebenstraum ist es, in einem freien Tibet vor dem Potala-Palast in Lhasa zu singen. Er hofft, dass sich auch die junge Generation, die Tibet nur aus Erzählungen kennt, wieder für den Freiheitskampf sensibilisieren lässt.

Wie ein schwarzes Schaf

Ach ja, der weisse Rabe. Auch das ist eine gute Geschichte von Loten Namling. «Es gibt in Tibet das Sprichwort ‹Sei kein weisser Rabe›», sagt Namling. «Das lässt sich mit dem symbolischen schwarzen Schaf hierzulande vergleichen. Als Tibeter soll man kein weisser Rabe sein, also nicht auffallen. Man soll sich nicht nur gut, sondern extragut benehmen. Aber warum denn eigentlich? Wir sind ja schon gut. Ich bin eigentlich ganz gerne ein weisser Rabe.»

Porok Karpo – «Gangchenpa». Quelle: Youtube/Loten Namling (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2018, 13:27 Uhr

Agenda

Porok Karpo: «Behind the Two Mountains», Endorphin. Plattentaufe: heute Freitag, 2. Februar, Kaufleuten, Zürich. Auftritte in der Region: 9. März, Kreuz, Nidau; 14. März, Turnhalle im Progr, Bern.

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