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Der stille Störenfried am Musikfestival Bern

Der Bündner Mu­siker und Schauspieler Jürg Kienberger ist Interluder-in-Residence am Musikfestival Bern – er wird bei den sperrigen Klassikstücken dazwischenfunken. Wie will er das anstellen? Wir fragten nach.

Sein Humor lässt Raum für eigene Gedanken: Jürg Kienberger zeigt in Bern sein Stück «Ich bin zum Glück zu zweit».
Sein Humor lässt Raum für eigene Gedanken: Jürg Kienberger zeigt in Bern sein Stück «Ich bin zum Glück zu zweit».
Georg Anderhub

14.20 Uhr ist keine gute Zeit für Jürg Kienberger. Es ist seine Unzeit, wie er verrät. «Dann habe ich mein Biotief.» Es sei gefährlich, sich nachmittags mit ihm zu verabreden. Grossartig sein oder Ideen entwickeln? Nicht um diese Zeit. So schlägt der Bündner Musikspieler, wie er sich nennt, denn auch halb zehn Uhr morgens vor, um zu telefonieren.

Er klingt entspannt und gut gelaunt. Jürg Kienberger weilt gerade im Ruhrgebiet an der Ruhrtriennale, wo das Stück «Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter» von Christoph Marthaler läuft. Kienberger gehört zum Stammteam rund um den Schweizer Regisseur. Seit dreissig Jahren arbeiten sie zusammen.

Kienberger hat etwa an legendären Marthaler-Stücken wie «Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!» (UA 1992) und «Hotel Angst» (UA 2000) mitgewirkt.

Exakt 52 Minuten

Vom Ruhrgebiet kommt er nun mehr oder weniger direkt nach Bern: Die Unzeit treibt den 60-Jährigen in die Hauptstadt. Ans Musikfestival Bern, das unter dem Motto «Unzeitig» stattfindet. Der Musikspieler ist als In­terluder-in-Residence eingeladen. Was kann man sich darunter vorstellen?

«Ein Interluder ist ein Zwischenspieler. Ich werde mit meiner Musik und mit meinem Schauspiel eingreifen und das Programm mit den nicht ganz zugänglichen Musikstücken ein bisschen auflockern.» Er werde als Störfaktor hin und wieder dazwischenfunken. Neben kleineren Intermezzi sind drei grössere Auftritte geplant: Jürg Kienberger wird die Eröffnungsrede halten und verspricht: «Es wird kurz und bündig sein.»

Danach wird er beim Auftritt des Pianistenpaares Susanne Huber und André Thomet mitwirken. Gespielt wird «Monologe» von Bernd Alois Zimmermann. «Das Stück dauert eigentlich 19 Minuten, bei uns wird es zum exakt 52-minütigen Programm ausgebaut», erzählt Kienberger.

«Wenn zwei Pianisten zusammenspielen, ist das wie in einer Ehe. Da müssen zwei denselben Rhythmus finden, obwohl sie eigentlich anders ticken. Ich werde im Stück als Supervisor und Paartherapeut fungieren.» Die beiden Pianisten müssen ebenfalls schauspielern – das hätten sie sich gewünscht, sagt Kienberger. Dafür haben alle drei eine intensive Probezeit auf sich genommen.

Feiner Humor

Auch ein eigenes Stück von Jürg Kienberger wird zu sehen sein: «Ich bin zum Glück zu zweit» mit Schauspieler Jeroen Engelsman, das Kienberger – wie alle seine Programme – gemeinsam mit seiner Frau und Regisseurin Claudia Carigiet entwickelt hat. Daneben wird es viele kleine Auftritte geben, mal abgesprochen, mal spontan. Man kann ihn sich gut vorstellen als stillen, aber wirkungsvollen Dazwischenfunker.

Mit seinem feinen Sinn für Humor, der manchmal nur aus ei­nem Blick oder einer Geste besteht. Ein Musikspieler, also einer, der Musik und Schauspiel verbindet, das sei er schon immer gewesen. Habe schon als Kind Freude daran gehabt, Klavier zu spielen und zum Beispiel bei einem schwierigen Lauf extra vom Stuhl zu fallen.

Kienbergers Figuren sind immer liebenswert, manchmal tollpatschig, haben stets zwei Seiten. Oder, wie er selbst es ausdrückt: «Im besten Fall lösen sie beides aus, Lachen und Weinen, weil die Figuren einen an die eigenen Missge­schicke erinnern.»

Es ist Humor, der Raum lässt. Er wolle Themen nur antippen und das Publikum zu seinen eigenen Geschichten führen. Berechenbares Pointentheater, wie es etwa viele deutsche Comedians pflegen, ist nicht seine Sache.

Kluges am Nachmittag

Wie kommt Jürg Kienberger, der im Hotel Waldhaus in Sils Maria aufgewachsen ist, zu seinen Ideen? Sein Geheimrezept sei, nicht immer von 10 bis 15 Uhr kreativ und am Abend dann noch ein bisschen lustig sein zu wollen. «Eine tolle Idee kann irgendwann entstehen.

Das kann morgens um 6 Uhr im Bett sein. Dann nehmen ich und meine Frau halt ein Blatt Papier und einen Stift, und bis um 8 Uhr haben wir uns im Pyjama eine ganze Szene überlegt.» So könne man am Nachmittag, wenn die Unzeit beginne, Klügeres machen. Schlafen, zum Beispiel.

Hauptauftritte Jürg Kienberger: Eröffnungsrede, Mi, 5. 9., 18 Uhr, Dampfzentrale, Bern; «Monologe», Fr, 7. 9., 19.18 Uhr, Dampfzentrale, Bern; «Ich bin zum Glück zu zweit», Sa, 8. 9., 20 Uhr, und So, 9. 9., 15.30 Uhr, Schlachthaus-Theater, Bern.

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